Wo ist Griechenlands Gold?

In letzter Zeit gab es Berichte, wonach die Gläubiger berechtigt wären, das Gold Griechenlands zu beschlagnahmen, falls das Land das neue Rettungspaket nicht bedient.

Ob dies zutrifft oder nicht, es wirft eine große Frage auf: Wie ist angesichts der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise in Europa die derzeitige kollektive Haltung der Zentralbanken der Eurozone zu Gold?

Man bedenke, dass diese Zentralbanken nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems in den frühen 1970er-Jahren darauf hinwirkten, Gold jede geldpolitische Rolle zu nehmen. In jüngerer Zeit haben sie Gold als Unterzeichner der drei aufeinanderfolgenden Zentralbank-Goldabkommen vielleicht auch als Finanzierungsquelle betrachtet. Doch das waren für sie „glücklichere Zeiten“, in denen immer mehr zentrale Planung und zunehmende Regulierung von den Märkten unwidersprochen hingenommen wurden. Nun jedoch, da die Währungsbehörden zunehmend in der Kritik stehen, muss die Strategie der Zentralbanken gegenüber Gold logischerweise völlig anders ausfallen: Entweder ist Gold ein Vermögenswert, dessen Wert als Sicherheit maximiert werden muss, oder es muss als Vermögenswert der „letzten Zuflucht“ gehalten werden. Die Interessenlage hat sich durch die veränderten Umstände, die den Regierungen der Eurozone nun aufgezwungen werden, grundlegend verschoben.

Der Anstieg der Goldpreise auf das heutige Niveau unterstreicht diesen Punkt. Nach offiziellen Angaben ist der Anteil der Eurozone an den offiziellen Goldbeständen, gemessen am weltweiten Gesamtbestand, von 9 % bei der Einführung des Euro auf heute nur noch 6 % gesunken. Darüber hinaus wird eine unbekannte Menge dieses Goldes bei Zentralbanken außerhalb der Eurozone, insbesondere bei der Federal Reserve, der Bank of England und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, auf Sichtkonten gehalten. Bei einem Sichtkonto hat die einlegende Zentralbank lediglich einen Gegenparteianspruch auf ihre Golddepots, sodass beispielsweise die Fed oder die BoE das hinterlegte Gold nach eigenem Ermessen verkaufen, tauschen oder verleihen kann: Sichtkonten sind schlicht ein Mittel für eine Zentralbank, das scheinbare Goldangebot auszuweiten, so wie eine Geschäftsbank das Bankkredit-Volumen ausweitet.

Die Möglichkeit, Gold über das Sichtkonten-System zu schaffen, ist seit dem Zweiten Weltkrieg für die Liquidität der Edelmetallmärkte in den großen Handelszentren grundlegend. Probleme entstehen, wenn das Vertrauen in das System infrage gestellt wird: Wie viel von Griechenlands Gold existiert beispielsweise tatsächlich, und was ist mit dem Gold geschehen, das Griechenland als Beitrittsgebühr an die Europäische Zentralbank übertragen hat? Diese Frage ist plötzlich für alle Zentralbanken von Bedeutung, nicht nur für die 17 Mitglieder des Euroraums. Wir wissen nicht, ob Hugo Chávez dies im Sinn hatte, als er die Rückführung des venezolanischen Goldes forderte, aber es ist durchaus möglich. Das Thema wurde auch vom Enthüllungsjournalisten Lars Schall im Hinblick auf die deutschen Reserven bei der New Yorker Fed aufgeworfen.

Wenn Zentralbanker darüber nachdenken, kommen sie bei all ihren Problemen möglicherweise zu dem Schluss, dass es eines gibt, das um jeden Preis vermieden werden muss: die Möglichkeit eines Ansturms auf Gold, bei dem kleinere Zentralbanken ihr Gold von ihren größeren Pendants in den großen Edelmetallhandelszentren abziehen. Er wäre eine Folge der sich vertiefenden Krise von Fiat-Geld und Kredit, und wenn man ihn zulässt, wäre das gesamte Vertrauen in das Papiergeld selbst gefährdet.

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