Beim Comex-Kupferkontrakt gab es einen enormen Squeeze, der die Aufschläge gegenüber London und Shanghai auf nie dagewesene Höhen getrieben hat. Ähnliche Bedingungen könnten auch bei Silber bevorstehen.

Gold und Silber setzten ihre Rally in dieser Woche fort und nähern sich den Höchstständen von Mitte April. Im europäischen Handel am heutigen Morgen lag Gold bei 2.385 US-Dollar, 16 US-Dollar über dem Schlusskurs vom vergangenen Freitag. Silber notierte bei 29,68 US-Dollar, ein Plus von 1,54 US-Dollar im gleichen Zeitraum. Der Comex-Umsatz in beiden Kontrakten war nicht übermäßig hoch, allerdings steigt das Open Interest allmählich an, wie unten dargestellt.

Ein höheres Open Interest ist typisch für Bullenmärkte, sollte aber als Maßstab dafür, wie überkauft ein Kontrakt ist, beobachtet werden. Beide Charts deuten darauf hin, dass es noch Spielraum nach oben gibt, bevor eine wesentliche Korrektur bzw. Konsolidierung wahrscheinlich wird.
Für sich genommen legt die technische Analyse nahe, dass Gold und Silber möglicherweise noch mehr leisten müssten, bevor sie die Aprilhöchststände erfolgreich herausfordern, und dass sie dafür besser aufgestellt wären. Dabei sind jedoch andere Faktoren nicht berücksichtigt, etwa die Geopolitik und, wichtig, der Trend, dass künftige Comex-Terminkontrakte bei Verfall vermehrt in Lieferforderungen münden.
Die Lieferannahme ist an der Comex zunehmend verbreitet. Bei Gold, einem großen physischen Markt, spielt dies vielleicht eine geringere Rolle. Doch wie Kupfer wird Silber als Industriemetall zunehmend nachgefragt und ist zentral für die weltweite Abkehr von fossilen Brennstoffen.
Kürzlich habe ich darüber geschrieben, dass China offenbar Silber hortete und den Preis kontrollierte, um dies zu erleichtern. Nun, da Indien die Produktion von Photovoltaik hochfährt, ist diese Kontrolle China entglitten. Reliance Industries, der große indische Konzern, fährt die Produktion hoch, nachdem er die erste 5-Gigawatt-Produktionsanlage von insgesamt geplanten 20 GW eröffnet hat, und er ist nicht das einzige indische Unternehmen, das mit staatlicher Förderung in diesen Markt expandiert.
Bislang wurden in diesem Jahr an der Comex 15.538 Silberkontrakte zu je 5.000 Unzen zur Lieferung gestellt, das entspricht 77.690.000 Unzen und damit 23 % der weltweiten Minenproduktion im selben Zeitraum. Auch die Plünderung der Comex-Lager beschränkt sich nicht auf dieses Jahr. Und bei derzeit 65 Millionen Unzen, die für die Lieferung registriert sind, sind das nur 13.000 Terminkontrakte.
Das Silver Institute schätzt, dass in den vergangenen drei Jahren ein Angebotsdefizit von 431 Millionen Unzen bestand. Die sich 2024 weiter beschleunigende industrielle Nachfrage nach Photovoltaik und anderen ESG-konformen Anwendungen zehrt zuvor angesammelte Bestände in rasantem Tempo auf. Und nun müssen wir zusätzliche Investmentnachfrage berücksichtigen.
Bei einem Gold-Silber-Verhältnis von etwa 80 ist in Silber sehr wenig an monetären Faktoren eingepreist, doch es wird stark davon beeinflusst, dass Gold etwa doppelt so schnell steigt. Wirtschaftliche und geopolitische Faktoren treiben derzeit den in Fiat-Währungen bewerteten Goldpreis. Und da enorme Mengen Edelmetall von den westlichen Kapitalmärkten nach China und in andere asiatische Länder abwandern, wurden Engpässe bei Edelmetall bislang nur durch die Auflösung von ETFs ausgeglichen.
Auch bei Silber war 2022 eine ETF-Auflösung in Höhe von 125 Millionen Unzen zu beobachten, die sich laut Silver Institute 2023 auf geschätzte 30 Millionen Unzen verlangsamte. Da der Goldpreis jedoch nun fest in einem Bullenmarkt etabliert ist, werden industrielle Nachfrage und Anlegernachfrage mit ziemlicher Sicherheit zu einem dramatischen Preis-Squeeze zusammenwirken.
Wird die Comex wie die LME beim Nickel irgendwann gezwungen sein, höhere Gewalt zu erklären? Ich würde es nicht ausschließen!