Winter in Mitteleuropa und für den Dollar

In diesem Artikel untersuche ich den aktuellen Stand des Kampfes um die hegemoniale Kontrolle zwischen Amerika auf der einen und Russland und China auf der anderen Seite. Er wird an zwei Fronten ausgetragen. In der Ukraine, der sichtbaren Front, steht ein Winter ohne Strom und ausreichende Nahrung bevor, der möglicherweise zu einer humanitären Krise führt.

Die andere Front ist finanzieller Natur: Amerika sieht sich einem koordinierten Angriff Russlands und Chinas auf die Vormachtstellung des Dollars ausgesetzt. Die Russen planen eine neue Währung für die Abwicklung des Handels. Sollte sie erfolgreich sein, könnte eine Flut von Dollar im Besitz ausländischer Halter auf die Devisenmärkte gelangen.

Wir können nicht wissen, wie weit dieser Plan fortgeschritten ist, doch die Anzeichen deuten möglicherweise auf eine goldgedeckte digitale Währung hin. Moskau errichtet eine neue Goldbörse, asiatische Zentralbanken bauen zusätzliche Goldreserven auf, und Saudi-Arabien strebt für seine Ölverkäufe Zahlungen in anderen Währungen als dem Dollar an. All dies sind Indizien.

Neben diesen Plänen hat es eine grundlegende Abkehr von der lang anhaltenden Blase bei allen Finanzanlagen gegeben, mit der Aussicht auf höhere Zinsen im Lauf der Zeit. Die Gründe für das Halten von Fiat-Dollar durch Ausländer schwinden, und eine erfolgreiche neue asiatische Handelswährung wird die Probleme des Dollars nur noch vergrößern.

Könnte dieser Druck Amerika dazu zwingen, den Konflikt in der Ukraine und die Sanktionen gegen Russland zu entschärfen? Die Argumente dafür sind zwingend geworden. Es wäre auch ein Weg, die Energiepreise zu senken und den Zentralbanken den nötigen Spielraum bei den Zinsen zu verschaffen. 

Russland nutzt den Winter konsequent aus

Die Belege dafür, dass Russland den Willen des ukrainischen Volkes brechen will, mehren sich. Während der erste Schnee fällt, zerstört Russland die Stromerzeugung, die nötig ist, um die Menschen warm zu halten und am Leben zu erhalten. Es ist eine moderne Variante der mittelalterlichen Belagerung. Doch statt eine Stadt oder Burg zu umzingeln und die Bewohner durch Hunger zur Unterwerfung zu zwingen, erwartet man, dass die Ukrainer das Land verlassen, weil die Bedingungen unerträglich werden.

Fast achtzig Prozent der Bevölkerung dieses unglücklichen Landes sind Ukrainer und keine Russen. Das beruht jedoch auf den offiziell anerkannten Landesgrenzen und berücksichtigt nicht die Gebiete im Osten, die Russland 2014 und danach hinzugewonnen hat, einschließlich der Krim. Damit droht ein potenzielles Flüchtlingsproblem von 34 Millionen Ukrainern, die vor unhaltbaren Lebensbedingungen ohne Energie und mit knappen Nahrungsmitteln fliehen, während der grausame Winter andauert.

Zu einem Stellvertreterkrieg gehören zwei Seiten. Man würde es den westlichen Medien nicht glauben, aber Putin hat sorgfältig darauf geachtet, die Lage nicht zu einem offiziellen Krieg eskalieren zu lassen und die NATO nicht in eine direkte Konfrontation hineinzuziehen. Stattdessen beruft er sich auf die ukrainische Verfassung, die ethnische Ukrainer schützt, nicht aber Minderheiten, darunter russischsprachige Bürger. Diesen werden faktisch Menschenrechte verweigert, was Putin den Vorwand liefert, sie zu retten.

Diese rechtliche Verankerung der Ethnizität in der ukrainischen Verfassung ist heute ungewöhnlich und ein Merkmal, das sie mit Nazideutschland teilt. Sie erlaubt es der russischen Propagandamaschinerie, dem ukrainischen Regime vorzuwerfen, ein Nazistaat zu sein. Russlands „Spezialoperationen“ dienten der Rettung ethnischer Russen im Einklang mit dem Völkerrecht, was erklärt, warum man ihnen russische Pässe und freies Geleit aus dem Donbass und aus Cherson angeboten hat. Nach Taten wie dem Autobombenanschlag in Moskau, bei dem Darja Dugina, die Tochter eines prominenten Verbündeten Putins, getötet wurde, und dem Anschlag auf die Kertsch-Brücke beschuldigt Putin die Ukraine terroristischer Handlungen, für die Russland Vergeltung fordert. Auch hier ist die Terrorismusbekämpfung ein Mittel, um eine Kriegserklärung zu vermeiden und zugleich weitere Maßnahmen zu rechtfertigen.

Im Verlauf des Winters werden 34 Millionen Ukrainer daher vor der Wahl stehen, zu Flüchtlingen zu werden oder an Kälte und Hunger zu sterben. Nun, da der Schnee gekommen ist, haben die Russen begonnen, die Energieversorgung der Ukraine ins Visier zu nehmen. Der Zeitpunkt ist kein Zufall, und die führenden Politiker der EU können sich die wahrscheinlichen Folgen nun vorstellen. Da sie sich aber für ihren letztlichen Schutz auf die NATO verlassen, sieht das Brüsseler Establishment die Kursänderungen der NATO nicht als seine Verantwortung an und hat, indem es der amerikanischen Führung folgte, seine eigenen Interessen vernachlässigt.

Doch die Amerikaner scheinen die drohende Gefahr eines Winters ohne Strom nun zu erkennen. Zweifellos hat dies William Burns, den Direktor der CIA, vor zwei Wochen zu einem Treffen mit seinem russischen Amtskollegen, dem Chef des Nachrichtendienstes, in Ankara veranlasst. Offiziell hieß es, Burns sei dort gewesen, um die Russen davor zu warnen, Atomwaffen einzusetzen, und um die Frage der US-Gefangenen anzusprechen.[i] Es besteht jedoch kaum Zweifel, dass dieses Treffen auf diskretem Kanal dazu diente, Kompromisse auszuloten, bevor Amerika sich als Beteiligter am grausamen Opfer der ukrainischen Bevölkerung in einem Stellvertreterkrieg wiederfindet.

Verhandlungen werden kein Selbstläufer sein

Im großen Spiel der geopolitischen Strategie kann es als Erfolg für die Russen verbucht werden, die Amerikaner an den Verhandlungstisch gebracht zu haben. Doch es geht nicht nur um einen Stellvertreterkrieg auf ukrainischem Boden. Sowohl Russland als auch Amerika verfolgen übergeordnete Ziele. Die Russen wollen ihre Westgrenzen sichern, was zumindest den Abzug des amerikanischen Militärs aus allen Grenzstaaten bedeutet – Lawrow hat 300 Meilen als Reichweite von Raketen genannt. Die USA werden sich diesen Forderungen zweifellos widersetzen, denn der faktische Verzicht auf ihre Nachkriegsrolle als Beschützer Europas durch die NATO wäre ein offenes Eingeständnis der Niederlage auf der Weltbühne. Es würde das Ende der globalen Vorherrschaft der USA bedeuten, an der die Amerikaner verzweifelt festhalten. Zudem wäre es eine Niederlage, die Russlands Macht nicht nur im westeuropäischen Raum stärken würde, sondern über die Partnerschaft mit China auch auf dem gesamten eurasischen Kontinent.

Aus Sicht der USA dürften sich die Verhandlungen mit Russland wahrscheinlich als Übung in Schadensbegrenzung erweisen – ähnlich wie der Abzug aus Afghanistan. Sie muss an den Verhandlungstisch kommen, bevor sich die Lage weiter deutlich verschlechtert. Und neben der Lage in der Ukraine müssen sie drei drängende Probleme bedenken:

Die EU-Dimension

Man erkennt, dass die Zwietracht in der EU nun offen zutage tritt: Die EU wirft den Amerikanern vor, am Ukraine-Krieg zu verdienen. Dies stammt von Politico von Anfang dieser Woche:

„Tatsache ist: Nüchtern betrachtet sind die USA das Land, das am meisten von diesem Krieg profitiert, weil sie mehr Gas zu höheren Preisen verkaufen und weil sie mehr Waffen verkaufen“, sagte ein hochrangiger Beamter gegenüber POLITICO.[ii]

Der Artikel fährt fort:

„Die brisanten Äußerungen – öffentlich wie privat von Beamten, Diplomaten und Ministern andernorts gestützt – folgen auf wachsenden Zorn in Europa über amerikanische Subventionen, die die europäische Industrie zu ruinieren drohen. Der Kreml dürfte die Vergiftung der Atmosphäre unter den westlichen Verbündeten begrüßen. ‚Wir stehen wirklich an einem historischen Wendepunkt‘, sagte der hochrangige EU-Beamte und argumentierte, der doppelte Schlag durch Handelsstörungen infolge der US-Subventionen und hohe Energiepreise berge die Gefahr, dass die öffentliche Meinung sich sowohl gegen die Kriegsanstrengungen als auch gegen das transatlantische Bündnis wende. ‚Amerika muss erkennen, dass sich die öffentliche Meinung in vielen EU-Ländern wandelt.‘“

Realistisch betrachtet kann Amerika seine wichtigsten EU-Verbündeten nur an seiner Seite halten, wenn es diese Bedenken ausräumt. Die steigenden Preise werden fast ausschließlich den auf Betreiben Amerikas verhängten Sanktionen gegen Russland und Putins Reaktionen darauf zugeschrieben und erzeugen vor Ort politischen Druck, der die Politiker wahrscheinlich dazu zwingen wird, ein baldiges Ende der Sanktionen anzustreben. In dieser Hinsicht ist die Zeit auf Russlands Seite.

Doch diese Spannungen treten nicht nur in der EU auf. Der neue globale Trend steigender Preise trifft die EU stärker als die meisten anderen, da die Europäische Zentralbank ihre Einlagenzinsen über einen beträchtlichen Zeitraum im negativen Bereich gehalten hat. Wie andere Zentralbanker versäumten es auch die EZB-Vertreter, einen Ausstiegsweg aus der Zinsunterdrückung zu planen, und sind stärker auf dem falschen Fuß erwischt worden als die meisten Zentralbanken. Es war eine Politik, die Geschäftsbanken in riskantes Terrain gelockt hat.

Schrumpfende Kreditmargen zwangen die großen Geschäftsbanken dazu, ihre Gewinne zu sichern, indem sie ihre Bilanzen auf Rekordniveau hebelten. Die Negativzinsen, die faktisch einer Steuer auf die im Eurosystem gehaltenen Reserven gleichkamen, lasteten wie eine schwere Hypothek auf der Ertragslage der Banken. Zwar bescherte der Zinsanstieg den Banken zunächst einen Gewinnsegen, doch nun sind sie Verlusten aus sinkenden Vermögenswerten und notleidenden Krediten ausgesetzt. Da der Einlagensatz der EZB bei einer offiziellen Preisinflation von über 10 % noch immer nur 1,5 % beträgt, sind weitaus höhere Zinsen unvermeidlich. Sofern sich die Preisinflation nicht irgendwie deutlich senken lässt, werden den Banken enorme Verluste aus Finanzaktiva entstehen, sowohl in der Bilanz als auch in Form von Sicherheiten – Verluste, die das Kapital der Aktionäre vernichten werden.

Das Inflationsproblem zeigt sich nun in einer Energiekrise, die aus den Sanktionen gegen Russland resultiert. Um zu verhindern, dass das gesamte Eurosystem destabilisiert wird, besteht die naheliegende kurzfristige Lösung darin, mit Russland ein Abkommen zu schließen. Der Wegfall dieser Quelle steigender Preise würde wiederum die Aussichten für die Euro-Zinsen verbessern und das gesamte Eurosystem stabilisieren. Wir können sicher sein, dass die EZB und ihr Netz nationaler Zentralbanken ihre Politiker darauf hinweisen werden.

Tatsächlich würde ein Ende der Sanktionen den Aktien- und Anleihekursen einen gewaltigen Auftrieb verleihen, und das zu einer Zeit wachsender Sorgen vor einer weltweiten Rezession. Daran sollte kein Zweifel bestehen: Die Politik des Westens gegenüber Russland ist nicht weniger als selbstmörderisch. Und die Politiker in Brüssel müssten blind sein, um dies nicht zu erkennen.

Der Konflikt zwischen den USA und den beiden asiatischen Hegemonialmächten verschärft sich

Aus Sicht Russlands bestätigten der überstürzte Rückzug Amerikas aus Afghanistan und die Ablösung des unberechenbaren Präsidenten Trump durch einen alternden Biden, den die Russen aus seiner Laufbahn in der US-Außenpolitik kannten, dass Amerikas weltweiter Einfluss schwand. Da Großbritannien aus der EU ausgetreten war, war es für Russland ein günstiger Zeitpunkt, die Spannungen zwischen Amerika und Westeuropa zu verschärfen, um Amerika aus Europa zu verdrängen.

Putin hat sich als politischer Taktiker von hohem Rang erwiesen – das musste er auch sein, um sich durch das von Jelzin hinterlassene Chaos bis an die Spitze der Macht durchzukämpfen. Wir können sicher sein, dass er vor der Eskalation der Ukraine-Lage sowohl die von Amerika angeführten Sanktionen vorhergesehen als auch seine Antwort kalkuliert hat. Dass die Amerikaner nun vorsichtig signalisiert haben, zu Verhandlungen bereit zu sein, bestätigt den Erfolg von Putins Ukraine-Strategie. Mit dem Einbruch des Winters kann er es sich nun leisten abzuwarten. Und je länger er wartet, desto größer wird der Druck auf die Ukraine und die EU.

Amerika führt diesen Machtkampf an zwei Fronten: gegen Russland und gegen China. Gegenüber China kann es nicht allzu aggressiv auftreten, weil die USA von dessen Wirtschaft noch immer erheblich abhängig sind. Die USA greifen zu gezielten Technologieverboten und kaum mehr. Da große US-Konzerne ihre Fertigungslieferketten nach China und Südostasien ausgelagert haben, können sie es sich nicht leisten, dass diese Lieferketten durch eine aggressive Außenpolitik untergraben werden. Schon jetzt setzt China, absichtlich oder nicht, mit seiner Covid-Lockdown-Politik US-Unternehmen unter Druck.

Die Absichten Chinas können wir nie ganz sicher einschätzen, zumal unter dem rätselhaften Präsidenten Xi. Angesichts der Proteste gegen die Lockdowns stellen die westlichen Medien Xis Regierung so dar, als kehre sie fast zu maoistischer Politik zurück, was eine Umkehr von Chinas jüngstem Weg in den Kapitalismus bedeuten würde. Die Behandlung der Uiguren stößt uns ab. Doch es war bekannt, dass eine Reform der Covid-Politik bevorstand, und am Dienstag gab die chinesische Nationale Gesundheitskommission eine entsprechende Ankündigung bekannt, die den lokalen Verwaltungen neue Leitlinien an die Hand gibt und die Lockdowns lockern dürfte. 

Das grundlegende Problem der chinesischen Regierung besteht darin, dass die Wirtschaft unter einem Schuldenkater aus Jahrzehnten der Überinvestition in den inländischen Bau leidet, der durch eine außergewöhnlich hohe Sparquote gedeckt war. Würde man die Wirtschaft sich selbst überlassen, würde nach der klassischen Theorie eine Schuldenkrise Fehlinvestitionen beseitigen und das Kapital einer produktiveren Verwendung zuführen. Da die großen Geschäftsbanken jedoch unter staatlicher Kontrolle stehen, wird die Politik eher darauf abzielen, den Übergang der Kapitalumschichtung zu überstehen, koste es, was es wolle.

Eine Kreditverknappung erhöht die Dringlichkeit staatlich gelenkter Investitionen in andere Bereiche, insbesondere in die Integration mit anderen asiatischen Staaten. Zwar dürfen wir nicht vergessen, dass zwischen China und Russland erhebliche politische und kulturelle Unterschiede bestehen, doch haben die amerikanische Hegemonie und Handelspolitik die Bindungen zwischen beiden nur gefestigt, sodass grenzüberschreitende Investitionen eine naheliegende Priorität sind.

Die unmittelbaren wirtschaftlichen Folgen sind für China schädlich, dessen Wirtschaft nicht mehr wächst. Dies ist zwar ein negativer Faktor für die gesamte Region, könnte aber die panasiatische Integration beschleunigen, um den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen und Staaten wie Indien, die afrikanischen Länder und nun den gesamten Nahen Osten weiter aus der hegemonialen Kontrolle der USA herauszulösen. Auch die amerikanischen Verbündeten in Südostasien werden ihre Außenpolitik überprüfen.

Betrachtet man die unmittelbaren Aussichten für eine globale Rezession, zeigt sich, dass sich die alte Welt stagnierender Volkswirtschaften von einer neuen Welt der Industrialisierung abspaltet. Unabhängige Entwicklungsländer werden in das fortschrittliche Lager gezogen, während ein Restbestand scheiternder Staaten in der Vergangenheit verharrt.

Bislang zeigt sich die Bestätigung des Endes der US-Hegemonie in der Änderung der Handelspolitik Saudi-Arabiens, das sich neu an Russland und China ausgerichtet und seine Absicht bekräftigt hat, der BRICS-Organisation beizutreten. Da andere arabische Staaten dem saudischen Beispiel folgen, bestätigt dies, dass die Golfstaaten ihre Zukunft an die russisch-chinesische Partnerschaft gebunden sehen. Vermutlich werden die Staaten Südostasiens folgen, die sich derzeit noch abwartend verhalten. Doch die jüngste Ausrichtung des G20-Treffens durch Indonesien zeigte, dass die Gastgeber offenbar mehr darum besorgt waren, Russland und China nicht zu verärgern als das von den USA geführte westliche Bündnis.

Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union geraten allmählich vor dasselbe Dilemma. Sie haben die Politik der NATO blind mitgetragen, ohne sie zu hinterfragen. Das Scheitern der NATO-Kriege im Nahen Osten und in Afghanistan sowie die Folgen des Sturzes des libyschen Machthabers Gaddafi haben allesamt zu den Flüchtlingsproblemen Europas geführt. Nun ist das wirtschaftliche Opfer der NATO-Ausrichtung deutlich erkennbar. Führende EU-Politiker murren düster darüber, dass die Amerikaner von der Ukraine profitieren, während Europa den Preis zahlt. 

Auch die Hegemonie des Dollars ist bedroht

Aus offiziellen Verlautbarungen wissen wir, dass die russisch-chinesische Partnerschaft, insbesondere über ihre Mitgliedschaft in der Eurasischen Wirtschaftsunion, plant, eine neue Währung für die Handelsabwicklung zusammenzuzimmern. Aufgrund der Währungssanktionen gegen Russland hat das Projekt an Dringlichkeit gewonnen, da andere asiatische Staaten erkennen, dass das Halten westlicher Währungen in ihren Zentralbankreserven das Risiko von Sanktionen birgt. Diese Risiken beschränken sich nicht allein auf das Einfrieren von Reserven in westlichen Währungen, sondern schränken auch den Handel ein. Die Folgen der Sanktionspolitik haben die asiatischen Regierungen dazu gezwungen, auch ihre Handelssicherheit zu überdenken.

Zum jetzigen Zeitpunkt können wir lediglich einige Fäden zusammenführen, um die wahrscheinliche Form der neuen Handelswährung zu bestimmen, die Sergei Glasjew, der mit dem Projekt betraute hochrangige russische Beamte, vorgeschlagen hat. Eine offizielle Erklärung des von ihm geleiteten Ausschusses vom 16. Juni enthielt die folgende Aussage:

„Sergei Glasjew informierte darüber, in naher Zukunft das Konzept für die Bildung eines gemeinsamen Börsenmarktes der EAWU vorzulegen, das insbesondere die Vereinheitlichung der Informationssysteme der Börsen und die Preisnotierung in nationalen Währungen vorsähe. ‚Auf der Agenda steht der Übergang zu einer neuen stabilen Abwicklungswährung auf der Grundlage eines Korbs nationaler Währungen und börsengehandelter Produkte sowie die Schaffung eines eigenen stabilen Preissystems. Solche Prinzipien sollten nicht nur innerhalb der EAWU, sondern in der gesamten SOZ angewandt werden‘, schloss der Minister der EWK.“[iii]

Ziel ist es, den Dollar als Abwicklungsmedium des Handels zwischen den Staaten zu ersetzen. Die Idee ist zudem, dass diese neue Handelswährung anderen Staaten zum Beitritt offenstehen soll. Wenn dieses Projekt erfolgreich ist, wird der Dollar für die teilnehmenden Staaten seinen Status als Reservewährung verlieren. 

Wie oben beschrieben, ist das Projekt nicht praktikabel und scheint eine politische Erklärung zu sein, die frühzeitige Unterstützung für das Vorhaben gewinnen soll. An anderer Stelle sehen wir Vorschläge für eine neue Moskauer Goldbörse, die angeblich den Zugang zum Londoner Edelmetallmarkt ersetzen soll, der Russland und seinen Raffinerien nun verwehrt ist. Doch auch hier ist die treibende Kraft derselbe Sergei Glasjew, der uns diesmal sagt, die Nachfrage komme aus der russischen Edelmetallbranche.

Damit es funktioniert, kann Glasjews ursprünglicher Vorschlag an die eurasischen Staaten nicht weiterverfolgt werden. Die Einbeziehung nationaler Währungen in eine Art tägliche Fixierung garantiert keine Stabilität, und jedes Mal, wenn ein weiteres SOZ-Mitglied beitritt, müsste eine vollständige Neugewichtung erfolgen. Dieselben Überlegungen gelten für „börsengehandelte Produkte“, worunter wir nach anderen Aussagen Rohstoffe verstehen können, die zwischen den Mitgliedern des Systems gehandelt werden.

Aus einem von Haus aus defensiven Schritt gegen die Hegemonie des US-Dollars heraus verändert die spätere Bestätigung der saudischen Absicht, Zahlungen von Dollar auf nicht näher bezeichnete asiatische Währungen umzustellen, die Prioritäten. Statt eine kleine Gruppe eurasischer Staaten zu überzeugen, besteht Glasjews Ziel nun darin, auch die Saudis und andere Energielieferanten am Golf dazu zu bewegen, das neue Handelsabwicklungsmedium zu akzeptieren. Nur eine goldgedeckte Währung erfüllt diese Anforderung. Angesichts ihrer beduinischen Wurzeln im physischen Münzgeld hätte eine für die Saudis akzeptable, goldgedeckte Handelswährung den zusätzlichen Vorteil, dem Dollar einen empfindlichen Schlag zu versetzen. 

Je länger man die Lage betrachtet, desto eher muss man zu dem Schluss kommen, dass Gold die logische Grundlage für ein solches Vorhaben ist. Glazyevs Beteiligung an der neuen Moskauer Goldbörse deutet darauf hin, dass er zu einer ähnlichen Schlussfolgerung gelangt ist. Wenn dem so ist, wird es notwendig sein, ein System zur Goldpreisfestlegung so abzusichern, dass die Teilnehmer ihre Guthaben in der neuen Währung mit Zuversicht halten können, auch wenn diese mit ziemlicher Sicherheit digital sein wird.

Sofern das Vorhaben mit Gold als Grundlage für rohstoffbasierte Transaktionen im Allgemeinen Wirklichkeit wird, entfällt die Notwendigkeit, Dollarguthaben zu halten. Die Auswirkungen auf den Dollar müssen daher unser nächstes Thema sein.

Die ausländischen Dollarbestände sind schlicht enorm

Diagramm, Liniendiagramm

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Wie das obige Diagramm zeigt, belaufen sich die ausländischen Bestände an Finanzvermögen einschließlich Bankeinlagen auf nahezu 30 Billionen US-Dollar, über 4 Billionen weniger als im vergangenen Dezember. Ein Teil davon ist auf Schwankungen der Portfoliobewertungen zurückzuführen, doch die ausländische Nachfrage nach Dollarbeständen lässt offensichtlich nach. Sollte der asiatische Block um Russland und China eine tragfähige Währung für die Handelsabwicklung hervorbringen, werden sowohl staatliche als auch private Akteure weniger Dollar benötigen, und die Bestände ausländischer Halter werden weiter schrumpfen. 

Dollar werden gegen andere Währungen verkauft, um Edelmetall zu erwerben oder Vorräte an langlebigen Rohstoffen aufzubauen. Der weltweite Wunsch, Dollar gegen andere wichtige Fiat-Währungen zu verkaufen, wurde durch die Währungssanktionen gegen Russland gedämpft. Und wir können sicher sein, dass die Botschaft über das Halten von Yen, Euro oder Pfund in allen asiatischen Staaten angekommen ist. 

Daher werden die von den USA angeführten Währungssanktionen gegen Russland wahrscheinlich gründlich nach hinten losgehen. Wenn der Dollar gegen Edelmetall und Rohstoffe verkauft wird, wird der Wert des Dollars im Verhältnis zu Edelmetall und Rohstoffen offensichtlich sinken. Dieser Trend wird von ausländischen Haltern leicht verstanden werden und dürfte den Dollar schneller nach unten treiben, als man erwarten könnte. 

Möglicherweise hat dieser Prozess bereits begonnen. Im bisherigen Jahresverlauf hat der Dollar gegenüber anderen wichtigen Währungen zugelegt, weil die Fed andere Zentralbanken zu höheren Zinsen geführt hat, um die Preisinflation einzudämmen. Andere Zentralbanken reagieren nun verspätet mit ihren überarbeiteten Zinspolitiken, und infolgedessen hat der Aufwärtstrend des handelsgewichteten Dollarindex seinen früheren Aufwärtstrend durchbrochen. Das nachstehende Diagramm veranschaulicht die bisherige Entwicklung des Dollars.

Diagramm, Liniendiagramm

Automatisch generierte Beschreibung

Die Probleme des Dollars werden durch Marktvermutungen verstärkt, dass die Fed angesichts zunehmender Rezessionsanzeichen zu einer geldpolitischen Wende gezwungen sein wird. Obwohl die Fed ihren Kurs leicht abmildert, bestreitet sie dies weiterhin, vermutlich aus Furcht, noch höhere Verbraucherpreise zu begünstigen. Die Märkte wetten darauf, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Fed gezwungen ist, die Zinserhöhungen zu beenden und die quantitative Lockerung wieder einzuführen. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen ist von 4,4 % auf 3,63 % gefallen, während sich der Anstieg des Verbraucherpreisindex im Oktober auf 7,7 % verlangsamt hat. 

Die durch Sanktionen ausgelösten Preisanstiege bei Rohstoffen und Energie haben einen umfassenderen Trend verdeckt, der sich aus dem Ende von vierzig Jahren Finanzialisierung der großen westlichen Volkswirtschaften ergibt: das Ende einer lang anhaltenden Blase bei praktisch allen Vermögenswerten. Unlösbare Staatsdefizite treiben die Entwertung der Währungen im Verhältnis zum Wert der Rohstoffe voran. Ein neuer finanzieller Kalter Krieg zwischen den Hegemonialmächten untergräbt die Logik von Lieferketten über mehrere Rechtsordnungen hinweg. Die Just-in-time-Lagerhaltung ist riskanter geworden. Und obwohl sich die Schwierigkeiten in den Lieferketten zuletzt verringert haben, hat sich der Handelsausblick verschlechtert, eine Reform der Lieferketten steht an, und der zehnjährige zyklische Abschwung der Kreditvergabe der Geschäftsbanken ist längst überfällig. 

Den Abbau ausländischer Dollarbestände steuern

Setzt man voraus, dass Ausländer netto als reine Verkäufer auftreten und nicht lediglich bestehende Positionen absichern, werden die Käufer entweder die Fed, wenn offizielle Institutionen verkaufen, oder Geschäftsbanken sein. 

Wenn die Fed Dollar kauft, verringert sie die Passivseite ihrer Bilanz oder legt die zurückgeführten Dollar durch den Kauf von Vermögenswerten wieder an. Und da wir von Nettoverkäufen durch Ausländer ausgehen, handelt es sich bei diesen Vermögenswerten um auf Dollar lautende Vermögenswerte der inländischen US-Wirtschaft. Ob die Fed ihre Bilanz verkürzt oder inländische Vermögenswerte kauft, ist eine Frage der Wirtschafts- und Geldpolitik.

Geschäftsbanken werden hauptsächlich für inländische US-Käufer handeln; in diesem Fall verringern sich ihre gesamten Einlagenverbindlichkeiten nicht, da sich lediglich die Eigentümer der Einlagen ändern. Handeln sie jedoch nicht für inländische Käufer, sondern für sich selbst, und werden Einlagen abgezogen, müssen sie ihre Bilanzaktiva entsprechend verringern. Dies können sie tun, indem sie Finanzanlagen verkaufen, sofern sie solche in ihrer Bilanz halten, oder indem sie Kredite fällig stellen. Aus den TIC-Zahlen des US-Finanzministeriums wissen wir jedoch, dass Geschäftsbanken nur ein begrenztes Kreditengagement in Fremdwährung haben (d. h. Bilanzaktiva – im Juni waren es 687 Mrd. US-Dollar[iv]), und da andere Währungen schwach waren, dürften sie kaum in nennenswertem Umfang ungesicherte bilanzielle Verbindlichkeiten aus Finanzanlagen in Fremdwährung haben. Daher findet der Großteil der Beteiligung des privaten Sektors außerhalb der Bilanz statt, und die Auswirkung auf die ausstehenden Kredite der Geschäftsbanken wird begrenzt sein.

Es scheint daher vor allem ein Problem für die Fed zu sein, und die Auswirkung von Verkäufen durch Ausländer auf den Dollar wird sich nur durch die Ausweitung der Fed-Bilanz abmildern lassen. Die nachstehende Grafik gibt einen Hinweis darauf, welche Auswirkungen wahrscheinlich relevant sind.

Diagramm, Liniendiagramm

Automatisch generierte Beschreibung

Wir haben festgestellt, dass Geschäftsbanken Ausländern keine Dollar in ausreichender Menge abkaufen werden, um ihre Bilanzen wesentlich zu beeinflussen. Sollten Ausländer stattdessen zu dem Schluss kommen, dass sich die Welt vom Dollar abwendet, wird die Bilanz der Fed, die derzeit 8,6 Billionen US-Dollar beträgt, einem schrumpfenden Berg von Auslandsdollar von bis zu 30 Billionen US-Dollar gegenüberstehen. Hierin steckt ein Hebeleffekt, der erheblich sein könnte.

Ein weiteres Problem für die Währungsbehörden besteht darin, dass sie zunehmend eine Rezession erwarten, obwohl diese auf sich warten lässt. Eine Rezession bedeutet eine Kontraktion der Geschäftsbankkredite, die die Fed durch eine Ausweitung ihrer Bilanz und eine Erhöhung des Haushaltsdefizits durch die Regierung auszugleichen versuchen würde. Mit anderen Worten: Nach einundfünfzig Jahren, in denen der Dollar vollständig ein Fiat-Geld ist und die Nachfrage nach ihm darauf beruht, dass er die einzige Reservewährung ist, ist das Ende dieser Phase zu einem Zeitpunkt, an dem die US-Wirtschaft in eine Rezession eintritt, die denkbar schlechteste Kombination von Ereignissen.

Dies ist wahrscheinlich der zwingendste Grund für die US-Regierung, die Spannungen wegen der Ukraine abzubauen und die Sanktionen gegen Russland aufzuheben. Es hätte William Burns, dem Chef der CIA, durch den Kopf gehen können oder sollen, als er sich vor zwei Wochen in Ankara mit seinem russischen Amtskollegen traf.


 


[i] Siehe https://www.reuters.com/world/russian-us-officials-holding-talks-turkey-kommersant-2022-11-14/

[ii] Siehe https://www.politico.eu/article/vladimir-putin-war-europe-ukraine-gas-inflation-reduction-act-ira-joe-biden-rift-west-eu-accuses-us-of-profiting-from-war/

[iii] Siehe https://eec.eaeunion.org/en/news/sergey-glazev-imeyushchiesya-rezervy-rosta-neobkhodimo-konvertirovat-v-narashchivanie-vnutrisoyuznoy/

[iv] Zeile 1 minus Zeile 2 unter https://ticdata.treasury.gov/resource-center/data-chart-center/tic/Documents/bctype.txt

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