„Das Paradoxon ist eine der am besten gesicherten empirischen Tatsachen im gesamten Bereich der quantitativen Ökonomie.“ – John Maynard Keynes
„Das Gibson-Paradoxon bleibt ein empirisches Phänomen ohne theoretische Erklärung.“ – Friedman und Schwartz
„Kein Problem der Ökonomie ist heftiger diskutiert worden.“ – Irving Fisher
Einleitung
Vor zwei Jahren habe ich eine befriedigende Lösung für das Gibson-Paradoxon gefunden.i Das Paradoxon ist bedeutsam, weil es zeigte, dass die Zinssätze in Großbritannien zwischen 1750 und 1930 mit dem allgemeinen Preisniveau korrelierten und keinerlei Korrelation mit der Preisinflationsrate aufwiesen. Und wie Friedman und Schwartz schrieben, entzog sich das Phänomen selbst bedeutenden Ökonomen einer theoretischen Erklärung, weshalb Ökonomen es vorzogen, die Quantitätstheorie des Geldes als maßgeblichen Leitfaden für den Zusammenhang zwischen Zinssätzen und Preisen anzunehmen. Die Auflösung des Paradoxons hat daher zur Folge, dass der angebliche Zusammenhang zwischen Zinssätzen, Geldmenge und der Wirkung auf die Preise widerlegt ist.
Das Gibson-Paradoxon zeigt uns, dass die Grundlage der Geldpolitik grundlegend fehlerhaft ist. Dieser Fehler wurde ignoriert, weil es keinem neoklassischen Ökonomen gelungen ist zu klären, warum das Gibson-Paradoxon gilt, wie die einleitenden Zitate belegen. Folglich wird dieses wenig bekannte, aber sehr wichtige Thema heutzutage kaum noch erörtert, und es ist anzunehmen, dass die meisten heutigen Zentralbanker es nicht kennen.
Der Zusammenhang zwischen den Zinssätzen und dem allgemeinen Preisniveau bestand bis in die 1970er-Jahre. Dieser Artikel fasst zusammen, warum das Gibson-Paradoxon wirkte, warum die Zinssätze nicht mit der Preisinflation korrelieren und aus welchen Gründen es nach den 1970er-Jahren nicht mehr zu beobachten war.
Zur leichteren Orientierung finden Sie hier die beiden Diagramme aus meiner ursprünglichen Arbeit, auf die sich das Paradoxon bezieht: Das erste zeigt die Korrelation zwischen den Zinssätzen und dem Preisniveau, das zweite die fehlende Korrelation zwischen den Zinssätzen und der Inflationsrate in Großbritannien, dem einzigen Land, für das eine so lange Statistikreihe verfügbar ist.

Die Auflösung des Paradoxons lief auf die Beantwortung einer sehr einfachen Frage hinaus: Wird der Zinssatz durch die Nachfrage des Kreditnehmers bestimmt, je nachdem, was er zu zahlen bereit ist, oder durch die Zinsforderungen des Sparers, der eine angemessene Rendite auf sein Geld anstrebt? Die neoklassische Annahme besagt, dass in einem freien Markt das, was der Sparer für die vorübergehende Überlassung seines Geldes verlangt, den Kreditzins bestimmt und der Kreditnehmer ihm ausgeliefert ist.
Tatsächlich geht die gesamte Literatur bis in die vor-keynesianische Zeit davon aus, dass Verbraucher die Zinssätze bestimmen, indem sie ihren Konsum aufteilen in das, was heute benötigt wird, und das, was für die Zukunft gespart werden soll. Die Theologen beschäftigte das Problem der gierigen Sparer, die sich moralisch des Wuchers schuldig machten. Die beiden wichtigsten monotheistischen Religionen, das Christentum und der Islam, hielten Wucher für eine Sünde, und der Islam besteht bis heute darauf, dass seine Anhänger kein Geld gegen Zinsen verleihen dürfen. Die Vorstellung vom müßigen Reichen, der vom Ertrag seines Kapitals lebt, nährte auch die postmarxistische Stimmung. Die Meinung war stets gegen den scheinbar untätigen Sparer und zugunsten des fleißigen Schuldners eingenommen. Der Sparer wird als Schurke dargestellt, und selbst die heutige Zentralbankpolitik ist gegen ihn voreingenommen.
Die Annahme, dass der Sparer den Zinssatz fordert, zieht sich durch die gesamte bekannte Geschichte der Wirtschaftswissenschaft und findet ihren jüngeren Ausdruck bei Keynes, der das Sparen ganz abschaffen wollte.ii Er gab den Sparern die Bezeichnung „Rentier“, ein hässliches Wort, das einen reichen Mann nahelegt, der sein Kapital verleiht und aus den Anstrengungen anderer Gewinn zieht. In den Lehrbüchern fand ich nur eine einzige Ausnahme von dieser verbreiteten Sichtweise, und zwar eine fast beiläufige Bemerkung in von Mises’ „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“. Er stellte fest, dass die Nachfrage nach Kapital die Form einer Nachfrage nach Geld annimmt.iii
Geld wird also nachgefragt. Mises’ Sicht auf das Verhältnis von Bargeld zu Krediten, die Keynes in seiner „Allgemeinen Theorie“ nach eigener Aussage nicht verstandiv, widerlegt religiöse und sozialistische Annahmen über den bösen Sparer. Nach von Mises erbringt dieser den Unternehmern eine Dienstleistung, indem er Kapital für die Produktion bereitstellt. Eine Seite weiter vorn in von Mises’ Theorie finden wir, dass er außerdem die Auffassung vertrat:
Kapitalgüter oder Produktionsgüter leiten ihren Wert vom Wert ihrer voraussichtlichen Erzeugnisse ab, bleiben aber in der Regel etwas darunter. Die Spanne, um die der Wert der Kapitalgüter hinter dem ihrer erwarteten Erzeugnisse zurückbleibt, bildet den Zins; ihr Ursprung liegt in dem natürlichen Unterschied zwischen Gegenwartsgütern und Zukunftsgütern.v
Daraus folgt eindeutig, dass der Zinssatz von dem bestimmt wird, was der Kreditnehmer zu zahlen bereit ist, um eine gewinnbringende Produktion künftiger Güter zu sichern, und nicht von dem, was ein wucherischer Rentier, wie Keynes und andere ihn darstellten, verlangen wird.
Der Unternehmer bestimmt den Preis der Kreditaufnahme, indem er die Option hat, nicht zu borgen. In seinen Berechnungen versucht er, seine fixen und variablen Produktionskosten sowie die zusätzliche Produktionskapazität, die weiteres Kapital bietet, zu beziffern. Er muss den Großhandelswert seiner zusätzlichen Produktion schätzen, um seine Gewinne vor Zinsen zu beurteilen. Anschließend kann er abschätzen, welchen Zins er zu zahlen bereit ist, um das für ein tragfähiges Vorhaben erforderliche Kapital zu sichern. Die Erwartung des Unternehmers hinsichtlich der Großhandelswerte ist daher mit den Kreditkosten verknüpft. Aus diesem Grund korrelierten die von einem Hersteller gezahlten Zinsen und die Großhandelswerte und deshalb auch die Zinssätze mit dem allgemeinen Preisniveau.
Folgen für die Geldpolitik
Nachdem wir dargelegt haben, warum die Anleiherenditen mit dem allgemeinen Preisniveau korrelierten, müssen wir nun zeigen, warum sie nicht mit der Preisinflationsrate korrelierten. Es ist leicht nachvollziehbar, dass die Menge der Kredite für produktive Zwecke, im Unterschied zur Geldmenge, durch Zinssätze gesteuert werden kann. Werden die Zinsen erhöht, sind tatsächlich weniger Produktionsvorhaben rentabel, und es werden weniger in Angriff genommen. Es besteht also ein Zusammenhang zwischen den Zinssätzen und der Verwendung des Geldes. Dass sich daraus keine Korrelation zwischen Zinssätzen und Inflationsrate ergab, liegt daran, dass Zinsänderungen lediglich Veränderungen in der Aufteilung des Geldes auf unmittelbaren Konsum und Ersparnisse widerspiegeln. Man kann die Geldmenge in der Wirtschaft beliebig verändern, und dies gilt dennoch weiterhin.
Stellen wir uns einen Moment lang eine Volkswirtschaft vor, in der die Zentralbank dem freien Markt keine Zinssätze vorschreibt und sich auf die Notenausgabe und die Rolle des Kreditgebers der letzten Instanz beschränkt. Steigen die Zinsen, liegt dies daran, dass im Verhältnis zur Investitionsnachfrage weniger gespart wird und mehr Geld für den unmittelbaren Konsum verwendet wird. Ebenso spiegeln sinkende Zinsen ein relativ größeres Angebot an Ersparnissen und einen geringeren Anteil des Einkommens wider, der dem unmittelbaren Konsum zugeteilt wird.
Die Gesamtmenge des Geldes ist für diesen Zusammenhang unerheblich. Würde man die Geldmenge verdoppeln, blieben die Zinssätze unverändert, solange sich sowohl das für den Konsum ausgegebene als auch das gesparte Geld verdoppelt. Daher können die weit gefassten Geldmengenaggregate in Fiat-Währungen unabhängig von den am Markt gebildeten Zinssätzen wachsen oder schrumpfen.
Die Zinssätze steuern also nicht die gesamte Geldmenge, womit ein Eckpfeiler des Monetarismus widerlegt ist. Grafik 3 veranschaulicht diesen Punkt: Das Wachstum der im Umlauf befindlichen weit gefassten US-Dollar-Geldmenge folgt über lange Zeiträume einem stetigen Wachstumspfad mit geringen Schwankungen, während die Zinssätze, teils heftig, schwanken, ohne nennenswerte Wirkung auf die Geldmenge.
Versuche, das Wachstum der Geldmenge durch die Steuerung des Zinssatzes zu kontrollieren, scheitern daher. Wenn eine Zentralbank die Zinsen senkt, dreht sich die Debatte stets darum, die wirtschaftliche Erholung zu fördern. Kommentatoren sprechen davon, die Wirtschaft, den Konsum und die Produktion anzukurbeln, je nach Anlass und Neigung, ohne offenbar zu verstehen, dass Zinsänderungen nur Verschiebungen innerhalb der Gesamtheit des gegenwärtigen und künftigen Konsums widerspiegeln können, wobei das eine angekurbelt, das andere aber gedrosselt wird.
Vermutlich geht man bei einem Inflationsziel der Zentralbank davon aus, dass sich mit einer Zinserhöhung, die die Nachfrage nach Bankkrediten dämpft, auch die Preisinflationsrate senken lässt. Doch wie das Gibson-Paradoxon zeigte, ist auch das nicht zutreffend. Der Fehler besteht darin, den Zins als den Preis des Geldes zu betrachten, der somit das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage nach Geld regelt. Wir haben gezeigt, dass dies nicht stimmen kann, da er nur das Gleichgewicht zwischen gegenwärtigem und künftigem Konsum regelt. Es gibt aber einen weiteren Grund: Zinssätze können niemals Sache der Zentralbanken sein. Um zu erklären, warum, müssen wir klären, was Zinssätze darstellen.
Der Ursprung der Zinssätze
Zinssätze sind Ausdruck der Zeitpräferenz, also des Wertunterschieds zwischen dem Besitz eines Gutes heute und der Vereinbarung, es zu einem späteren Zeitpunkt zu besitzen. Nehmen wir an, ein Verbraucher kann einen Artikel bei zwei Händlern kaufen, den wir Widget nennen wollen. Der erste Händler sagt ihm, er habe Widgets auf Lager. Der zweite sagt ihm, er könne den Preis seines Konkurrenten halten, habe aber keine auf Lager und bekomme nächste Woche welche. Die sofortige Befriedigung, das Widget heute zu besitzen, verschafft dem ersten Händler offensichtlich einen Vorteil. Will der zweite Händler das Geschäft mit dem Kunden gewinnen, muss er wahrscheinlich seinen Preis senken oder einen anderen Vorteil bieten, um die verzögerte Befriedigung auszugleichen. Der erforderliche Preisnachlass oder Vorteil ist die Zeitpräferenz zwischen sofortiger Verfügbarkeit und späterer Lieferung des Widgets.
Nahezu alle Güter haben bei Lieferung heute einen höheren Wert als zu einem späteren Zeitpunkt, und je größer der zeitliche Abstand, desto größer ist der abgezinste zukünftige Wert. Verschiedene Güter und Dienstleistungen weisen unterschiedliche Zeitpräferenzen auf, die ihre jeweiligen Angebots- und Nachfragemerkmale widerspiegeln. Da Geld jedoch das allgemeine Tauschmittel ist, spiegeln sich diese Zeitpräferenzen, über eine Vielzahl von Gütern und Dienstleistungen betrachtet, tendenziell in einer umfassenden Zeitpräferenz für Geld selbst wider. Diese entspricht dem Aufschlag, dem Zins, der jemandem dafür gezahlt wird, dass er für einen bestimmten Zeitraum auf die Nutzung seines Geldes verzichtet.
Der Zins auf Geld ist die Kehrseite des abgezinsten Wertes von Gütern bei künftiger Lieferung. Geld ist nicht der Ursprung abgezinster Werte für künftige Lieferungen, sondern lediglich ein Spiegelbild davon. Dies zeigt sich an den Finanzmärkten, wenn ein Rohstoff in Backwardation gerät. In diesem Fall erzeugt die Knappheit an physischer Ware zur sofortigen Lieferung eine Zeitpräferenz, die über dem Durchschnitt aller Güter liegt und sich im Zinssatz für Geld niederschlägt.
Sparen, also der freiwillige Verzicht auf Geld zur späteren Verwendung, wird aus diesem Grund häufig als aufgeschobener Konsum bezeichnet. Erweitern wir nun unser früheres Beispiel mit dem Widget und nehmen an, unser Käufer sei der Einzelhändler, der dem Großhändler mitteilt, er erwarte im kommenden Jahr höhere Absatzzahlen bei Widgets, und der Großhändler teilt dem Hersteller mit, dass die Nachfrage nach Widgets voraussichtlich steigen werde. Um seine Produktion zu steigern, muss der Hersteller mehr Kapital aufwenden, um die zusätzliche Produktion in der Zeit zwischen der Fälligkeit der Produktionskosten und dem erwarteten Verkauf zu finanzieren.
Auch hier gilt die Zeitpräferenz, denn der Hersteller schichtet sein Kapital um oder beschafft sich Geld von einem Dritten, um heute Güter und Arbeitsleistung zu kaufen und damit künftige Güter zu produzieren. Schichtet er seine eigenen Mittel um, ersetzt er die Kapitalrendite einer Verwendung durch die einer anderen. Alternativ kann er das Kapital vorübergehend über die Finanzmärkte beschaffen, die als Vermittler für Sparer fungieren; in diesem Fall zahlt der Hersteller für die Nutzung des Geldes einen Aufschlag, der sich praktischerweise als annualisierter Zinssatz ausdrücken lässt.
Nur in einer kleinen Minderheit von Fällen ist mit dem Wert, der der Nutzung eines Gutes, einer Dienstleistung oder einer Einrichtung beigemessen wird, ein zeitliches Opfer statt eines zeitlichen Vorteils verbunden. Diese beschränken sich jedoch auf Fälle wie den, heute ein niedrigeres Gehalt für bessere Aussichten in Kauf zu nehmen. Ein Student könnte seine Ausbildung verlängern und dabei auf Einkommen verzichten, in der Hoffnung auf ein besseres künftiges Einkommen. Ein Risikokapitalgeber könnte in ein Projekt ohne laufende Einnahmen investieren, in der Erwartung, dass sich ein Einkommensstrom ergibt, der lohnend genug ist, um seine Investition zu rechtfertigen. Dies sind Beispiele, in denen die üblichen Überlegungen zur Zeitpräferenz außer Kraft gesetzt sind.
Dies sind jedoch Ausnahmen von der Regel, und Zinssätze müssen stets einen positiven Wert haben, da ihr Ursprung in den Gesetzen der Zeitpräferenz liegt und sie durch das Zusammenspiel von Kapitalnachfragern und Anbietern von Verleihüberschüssen bestimmt werden. Die Mengen sind unerheblich, und bei Kapital zur Finanzierung der Produktion richtet sich die Zinshöhe nach der Wertschöpfung der Produktion, wie das Gibson-Paradoxon gezeigt hat.
Nur das Handeln der Zentralbanken setzt diese Regel außer Kraft.
Das Verhältnis zwischen Preisen und Zinssätzen ist inzwischen verzerrt
Die Zeitpräferenz beim Besitz und bei der Nutzung von Geld ist daher grundlegend für die Allokation von Ressourcen in einer Volkswirtschaft. Wir haben gesehen, dass in einer normalen Volkswirtschaft, die nicht vom Staat dominiert und kontrolliert wird, die Unternehmen die Initiative ergreifen und durch ihre Gesamtnachfrage nach Kapital den Wert der Zeitpräferenz bestimmen. Die Nachfrage nach Kapital ist in einem Wettbewerbsumfeld gleichbedeutend mit Produktion, in dem Umsätze durch bessere Produkte erzielt werden. Dies ist der Motor des wirtschaftlichen Fortschritts.
Die Korrelation zwischen den Kreditkosten und den Großhandelspreisen war von den frühesten Tagen der industriellen Revolution in Großbritannien an erkennbar und hielt bis Mitte der Siebzigerjahre an; danach änderte sich der Zusammenhang, wie unsere nächsten beiden Diagramme zeigen.
Warum also endete sie nach über zweihundert Jahren der Korrelation zwischen Großhandelspreisen und Anleiherenditen Anfang der 1970er-Jahre? Es liegt auf der Hand, dass der anhaltende Anstieg der in staatlich ausgegebenen Währungen ausgedrückten Preise, denen der Anker des Goldes fehlte, nicht zu einem anhaltenden Anstieg der Zinssätze führen konnte. Uns beschäftigen die Gründe, warum der Zusammenhang endete. Dabei sind zwei unterschiedliche Zeiträume zu betrachten.
Ab Ende 1973 verloren die Anleiherenditen in Großbritannien ihre Korrelation mit dem Preisindex, als die Bank of England ihren Mindestleihzinssatz auf 13 % anhob und gewerbliche Kreditnehmer damit faktisch vom Kreditmarkt ausschloss. In den USA lag der Höhepunkt der langfristigen Zinsen im Jahr 1981, als die Rendite der langlaufenden Anleihe mit 14,4 % ihren Höchststand erreichte, nachdem die Fed den effektiven Leitzins (Fed Funds Rate) auf 19,1 % angehoben hatte.
In beiden Ländern wurde die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Preisinflation zu einer Hyperinflation beschleunigte, zur vorrangigen Sorge. Die Bank of England und die Fed begegneten dem Problem, indem sie die Nominalzinsen so weit anhoben, dass die industrielle Nachfrage nach Ersparnissen einbrach. Und wenn die Nachfrage nach Ersparnissen einbricht, ist Gibsons Korrelation zwischen Preisen und Zinsen offensichtlich aufgehoben.
Das Problem der Preisinflation hatte seine Wurzeln im Beginn des Jahrzehnts. Im August 1971 gab Amerika das Abkommen von Bretton Woods auf, das die weltweiten Preise lose an die Kaufkraft des Goldes gebunden hatte. Die Folgen für die Preisinflation im Vereinigten Königreich, wo die Gewerkschaften über ein hohes Maß an politischer Kontrolle verfügten, traten relativ unmittelbar ein. Die monatliche Preisinflation stieg bis Mitte der Siebzigerjahre auf eine annualisierte Rate von über 20 %. Die Aktienmärkte hatten im Mai 1972 ihren Höhepunkt erreicht, und die Wirtschaft erlebte in den folgenden achtzehn Monaten einen Kreditboom, angetrieben von negativen Realzinsen. Im November 1973 begann die Kreditkrise mit einer Ölkrise, die zu einer Sterling-Krise führte und die Bank of England zwang, ihren Mindestausleihesatz, wie oben erwähnt, auf 13 % anzuheben. Das auffälligste Opfer war der Gewerbeimmobilienmarkt, der plötzlich zusammenbrach und mehrere Banken mit sich riss. In den folgenden Monaten fielen die Vermögenswerte katastrophal, während zugleich die Verbraucherpreisinflation außer Kontrolle geriet.
Trotz der Finanzkrise und der Deflation der Vermögenswerte blieb die Hyperinflation der Preise die ernsteste Bedrohung. Die Bank of England war widerwillig gezwungen worden, die Zinsen über das Niveau anzuheben, das Unternehmen zur Finanzierung der Produktion zu zahlen bereit waren, vor allem weil das Pfund unter Druck stand und sich die Regierung nicht zu einem niedrigeren Satz finanzieren konnte. Die Vergabe von Krediten wurde gewissermaßen schrittweise verstaatlicht.
In den USA häuften sich ähnliche wirtschaftliche Verzerrungen an. Befreit von der Disziplin des Goldes, sank auch die Kaufkraft des Dollars in immer schnellerem Tempo. Paul Volcker, der Vorsitzende der Fed, brach 1981 durch die Anhebung des Leitzinses (Fed Funds Rate) schließlich die Nachfrage der Industrie und des Hypothekenmarktes nach Ersparnissen. Kurz darauf trat die Weltwirtschaft in eine neue Phase ein, die durch einen Wandel in der Verwendung von Bankkrediten gekennzeichnet war.
Der Einbruch der Nachfrage nach Ersparnissen war das erste Mal in der bis ins Jahr 1750 zurückreichenden Geschichte der Kreditkosten, dass Gibsons Paradox aufgehoben wurde. Wir traten dann in eine Ära der Finanzrevolution ein, in der sich der Einsatz von Kapital von der Finanzierung der Produktion hin zur Finanzierung von Staatsdefiziten und privatem Konsum verlagerte.
Es begann damit, dass die britische Regierung die Londoner Börse zwang, externe Anteilseigner in Mitgliedsfirmen zuzulassen. In den Jahren 1983 bis 1986 erlebte die City of London den „Big Bang“, der es Banken erlaubte, Wertpapiergeschäfte zu erwerben und auszubauen. Die Verbindung von Kreditgeschäft und Investmentbanking war in Amerika durch den Glass-Steagall Act verboten, sodass London seine historische Rolle als weltweit führender Finanzplatz zurückgewann, wobei amerikanische Banken die wichtigsten Käufer Londoner Börsenmakler waren. Die amerikanischen Banken setzten sich anschließend erfolgreich in Washington dafür ein, die Bestimmungen des Glass-Steagall Act schrittweise aufzuheben, sodass sie ihre neu erworbenen Wertpapiergeschäfte auf die Wall Street ausdehnen konnten. Der Glass-Steagall Act wurde schließlich durch den Financial Services Modernisation Act von 1999 ersetzt. Der Geist von John Law, dem Spielleiter der Mississippi-Blase, war beschworen worden: Banken erhielten die Möglichkeit, nach Belieben sowohl Geld als auch Wertpapiere auszugeben.
Der Einsatz von Krediten wurde zweckentfremdet. Ab dem Londoner „Big Bang“ entwickelte sich die Regulierung der Märkte von privatwirtschaftlichen Zusammenschlüssen, die zusammen als Selbstregulierungsorganisationen bekannt sind, hin zu einer vollständigen staatlichen Regulierung. Zugleich wurden Beschränkungen für Verbraucherkredite aufgehoben, und die Kreditnachfrage verlagerte sich von der Industriefinanzierung und einer eingeschränkten Wohnungsbaufinanzierung zunehmend zugunsten der Verbraucher. Heute belaufen sich in den USA neben Hypotheken auch Kreditkartenschulden, Studienkredite und Fahrzeugfinanzierungen auf insgesamt knapp 13 Billionen US-Dollarvi und übersteigen damit die gesamten Unternehmensanleihen von 5,2 Billionen US-Dollarvii. Hinzu kommen Bankkredite an nichtfinanzielle Unternehmen, die derzeit 2,1 Billionen US-Dollar betragen.viii
Da Verbraucher inzwischen fast doppelt so viel Kredit aufnehmen wie nichtfinanzielle Unternehmen, ist die Korrelation zwischen Großhandelspreisen und Zinsen verloren gegangen. Hinzu kommen die Staatsschulden, die sich netto auf weitere 14 Billionen US-Dollar angehäuft haben, sodass man erkennt, dass die industrielle Kreditnachfrage heute nur noch 20 % der gesamten US-Kreditvergabe ausmacht.
Wir haben nun eine Erklärung dafür, warum Gibsons Paradox heute nicht mehr gilt. Es wurde durch das Übergewicht der Konsumfinanzierung durch Verbraucher und Staat verdrängt, die an die Stelle der langjährig vorherrschenden Verwendung von Krediten zur Finanzierung der Produktion getreten ist. Die wirtschaftliche Beziehung zwischen Konsum, aufgeschobenem Konsum und der Finanzierung der Produktion endete faktisch vor über fünfunddreißig Jahren.
Neoklassische Ökonomen werden zweifellos behaupten, dass der Ballast der freien Marktwirtschaft, wie etwa Gibsons Paradox, heute nicht mehr relevant sei. Diese Behauptung entspringt jedoch dem Eigeninteresse an der staatlichen Kontrolle des Geldes. Und wenn das Ziel des Staates darin besteht, die Verteilung wirtschaftlicher Ressourcen durch die Kontrolle des Geldes zu steuern, lehrt uns selbst die Geschichte, dass dies letztlich stets scheitert.
Man sagt uns immer wieder, diesmal sei alles anders. Doch die Folgen der Missachtung der Lehren des freien Marktes und des Mechanismus, mit dem Unternehmen Kredite aufnehmen, um ihre Produktion im Interesse der Verbraucher auszubauen, zeigen sich in der Anhäufung untragbarer Schulden. Der Zweck eines gewinnbringenden Unternehmens besteht darin, Schulden aus den Erträgen der Produktion zurückzuzahlen. Verbraucher, die Kredite aufnehmen, streben in der Regel nach größerer Befriedigung, als ihr Einkommen ihnen bietet; wollen sie die aufgenommenen Schulden zurückzahlen, erfordert dies später einen entsprechenden Verzicht auf Befriedigung.
Hierin liegt der Unterschied zwischen der Welt von einst, in der Gibsons Paradoxon den Zusammenhang zwischen der Kreditaufnahme für die Produktion und den Zinssätzen, dem Motor des wirtschaftlichen Fortschritts, zusammenfasste, und der heutigen Welt, in der man sich verschuldet, um sofortige Befriedigung zu erlangen und die Überausgaben des Staates zu finanzieren.
i Siehe https://www.goldmoney.com/research/goldmoney-insights/gibson-s-paradox
ii Siehe die Schlussbemerkungen (II) in Keynes’ „General Theory of Employment, Interest and Money“.
iii Siehe S. 341.
iv Siehe seinen Anhang zu Kapitel 14, Abschnitt III, in seiner „General Theory“.
v Ebd., S. 340.
vi New York Times: https://www.nytimes.com/2017/05/17/business/dealbook/household-debt-united-states.html?mcubz=0
vii Quelle: https://fred.stlouisfed.org/series/CBLBSNNCB
viii Quelle: https://fred.stlouisfed.org/series/BUSLOANS
Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten und Meinungen sind die des Autors bzw. der Autoren und geben nicht die Ansichten von Goldmoney wieder, sofern dies nicht ausdrücklich angegeben ist. Der Artikel dient ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellt weder seitens Goldmoney noch seitens des Autors bzw. der Autoren eine Rechts-, Finanz-, Steuer-, Anlage- oder Buchhaltungsberatung dar. Sie sollten sich nicht auf Informationen in diesem Artikel stützen oder auf deren Grundlage handeln, ohne zuvor unabhängigen fachlichen Rat einzuholen. Es wurde Sorgfalt darauf verwendet, dass die Informationen in diesem Artikel verlässlich sind; Goldmoney übernimmt jedoch keine Gewähr dafür, dass sie richtig, vollständig und aktuell sind und/oder als Hinweis auf zukünftige Ergebnisse verstanden werden können, und sie sollten nicht als solcher herangezogen werden. Goldmoney haftet nicht für Ansprüche, Verluste, Schäden oder Unannehmlichkeiten, die sich aus Informationen oder Meinungen in diesem Artikel ergeben. Jede Handlung auf Grundlage der in diesem Artikel enthaltenen Meinungen und Informationen erfolgt auf Ihr eigenes Risiko.