Die Finanzmärkte erkennen zunehmend, dass die US-Wirtschaft ins Stocken gerät. Anleger gehen daher vermehrt davon aus, dass die Preise für Waren und Dienstleistungen nachgeben werden, da die Nachfrage voraussichtlich stagniert oder sogar sinkt. In einer Reihe anderer fortgeschrittener Volkswirtschaften droht bereits eine solche Lage; negative Zinsen zu ihrer Bekämpfung sind dort inzwischen alltäglich. Aus diesem Grund erwarten viele Händler, dass der Gold- und Silberpreis in US-Dollar nachgibt.
Lässt man die Preise der Edelmetalle einen Moment beiseite, weist diese Analyse einige gravierende Probleme auf. Nehmen wir einmal an, die US-Wirtschaft gerät tatsächlich ins Stocken: Die Lehrbücher sagen uns, dass sich Angebot und Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen bei niedrigeren Preisen wieder ins Gleichgewicht bringen. So geschah es im Grunde nach der Lehman-Krise, als die Preise für Energie, Metalle und Edelmetalle stark fielen und Investitionsgüter erheblich günstiger zu haben waren. Das bedeutet nicht, dass sich beim zweiten Mal dasselbe wiederholen wird (und eine abrutschende US-Wirtschaft könnte finanzielle Belastungen erzeugen, neben denen die Lehman-Krise wie ein Spaziergang erscheint). Tatsächlich haben die Zentralbanken für den nächsten Fall bereits einen Plan zur Eindämmung der Lage, der auf ihren Erfahrungen aus der Lehman-Krise beruht. Er sieht eine rasche Ausweitung der Geldmenge vor, die sich nach jüngster Erfahrung zumindest für das Federal Reserve System („Fed“) kaum oder gar nicht inflationär ausgewirkt hat.
Wir wissen daher etwas, das wir nach dem August 2008 nicht wussten, als der drohende Zusammenbruch des globalen Bankensystems alle dazu trieb, ihre Kassenbestände zu erhöhen. Diesmal wissen wir, dass die Garantien von damals in Höhe von 13 Billionen US-Dollar, oder welche Summe man sich auch vorstellen mag, erneut vom Fed bereitgestellt werden, gedeckt durch Bargeld auf Abruf. Bail-ins können Sie vergessen; sie dienen dazu, einzelne Bankinsolvenzen zu bewältigen, nicht eine umfassendere systemische Krise.
Natürlich liegt der Gedanke nahe, dass eine neue Finanz- und Wirtschaftskrise uns dazu bringen wird, alles zu verkaufen, was sich zu Bargeld machen lässt. Dies entspricht jedoch nicht zwangsläufig der Erfahrung früherer Geldinflationen: Wenn das Gelddrucken den Unternehmergeist („animal spirits“) nicht beflügelt, erwartet der Konsens häufig fallende Preise, doch es kommt das Gegenteil. So war es auch in Deutschland und Österreich nach dem Ersten Weltkrieg, als man erwartete, dass die wirtschaftlichen Lasten aus der Zerstörung von Infrastruktur und Vermögen, dem Verlust produktiver Menschenleben, dem Ende der Rüstungsausgaben und den Reparationen die jeweiligen Volkswirtschaften überwältigen würden. Die Folge war, dass die Menschen kurzzeitig lieber an ihren Ersparnissen festhielten, statt auszugeben. Wie sehr sie sich irrten.
Die politische Lage war damals eine ganz andere als heute, doch es gab eine wichtige wirtschaftliche Ähnlichkeit. Die rasche Beschleunigung des Geldmengenwachstums hatte die deutschsprachigen Volkswirtschaften in den sieben Jahren zuvor nicht angekurbelt. Heute ist es genauso. Der Fehler ist derselbe, den Frédéric Bastiat vor fast 200 Jahren mit seiner Parabel vom zerbrochenen Fenster aufgezeigt hat. Wir sehen die Dynamik einer scheiternden Wirtschaft und ziehen unsere Schlüsse allein aus dieser Beobachtung. Die vorangegangene Geldinflation ignorieren wir, und die noch schnellere Ausweitung von Geld und Kredit liegt erst vor uns. Deshalb sehen wir nicht kommen, dass sich zunehmend die Gewissheit durchsetzt, dass die Kaufkraft des Geldes sinken und nicht steigen wird, und dass es damit denselben Wertverlauf nimmt wie die deutsche Mark und die österreichische Krone in den Jahren 1920 bis 1923.
Soll eine Finanzkrise abgewendet werden, ist das Beste, was wir erhoffen können, eine Wirtschaft, die seitwärts läuft, statt zu expandieren. Doch diese Hoffnung birgt Gefahren, teils wegen gefährlich überbewerteter Märkte, teils wegen der Grenzen einer weiteren Schuldenschöpfung im privaten Sektor. Kurz gesagt: Wir leben in einer Lage, die für einen exogenen Schock äußerst anfällig ist.
Unterdessen spiegeln die Preise für Gold und Silber die deflationäre Sichtweise wider, unter Ausschluss des wahrscheinlichen Ergebnisses. Zweifellos halten viele Händler Gold und Silber lediglich für Rohstoffe, andernfalls würden sie deren Preise im Wettlauf um Bargeld in die Höhe treiben. Künftige Historiker dürften ratlos sein. Vielleicht wird jemand eine Geschichte mit einem eingängigen Titel schreiben, etwa „Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds“. 1
1 Bereits von Charles Mackay verfasst und 1851 veröffentlicht. Aktualisierungen werden zweifellos erforderlich sein.
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