Ungenaue Statistiken und die Gefahr für Anleihen

Statistiken sind sehr irreführend geworden: Insbesondere werden wir zu der Annahme verleitet, die USA stünden am Rande einer Preisdeflation, weil die offizielle Inflationsrate der USA kaum positiv ist. Dieses Niveau haben US-Anleihen und damit alle anderen Finanzmärkte eingepreist, ohne anzuerkennen, dass die tatsächliche Rate deutlich höher liegt.

Es gibt zwei mögliche Ansätze, um die tatsächliche Preisinflationsrate zu bestimmen. Man kann entweder alle Anpassungen rückgängig machen, die staatliche Statistiker im Laufe der Jahrzehnte vorgenommen haben, um die scheinbare Rate zu senken, oder man kann eine statistisch signifikante Stichprobe von Preisdaten unabhängig erheben und daraus einen Index erstellen. John Williams von Shadowstats.com ist für seine Arbeit am erstgenannten Ansatz bekannt, doch bis vor Kurzem war mir nicht bekannt, dass jemand den zweiten Ansatz verfolgt. Dann machte mich Simon Hunt von Simon Hunt Strategic Services auf den Chapwood Index aufmerksam, der eine größere Öffentlichkeit verdient.

Auf der Website heißt es: „Der Chapwood Index spiegelt den tatsächlichen Anstieg der Lebenshaltungskosten in Amerika wider. Er wird zweimal jährlich aktualisiert und veröffentlicht und weist die unbereinigten tatsächlichen Kosten und Preisschwankungen der 500 wichtigsten Posten aus, für die Amerikaner ihr Geld nach Steuern in den 50 größten Städten des Landes ausgeben.“ Er ist somit statistisch signifikant und zeigt durchgehend eine deutlich höhere Preisinflation als der Verbraucherpreisindex (VPI).

Die folgende Tabelle zeigt diesen Unterschied seit 2011 und seine Auswirkung auf das reale BIP.

Chapwood-Index

Quellen: Chapwood Index, US Bureau of Labor Statistics und Bureau of Economic Analysis. Aufgrund von Rundungen kann es zu Abweichungen in den Summen kommen.

Der Chapwood-Wert in der Tabelle ist der einfache arithmetische Durchschnitt der 50 Städte. Die Inflationsrate von 10 % Jahr für Jahr ist bemerkenswert. Darüber hinaus zeigt Chapwood, dass die kumulierte Inflationsrate laut VPI über die vier Jahre um 39,9 % zu niedrig ausgewiesen wird, und wenn man anstelle des BIP-Deflators die Chapwood-Zahlen verwendet, ist das reale BIP über die vier Jahre kumuliert um 21,4 % eingebrochen.

Kein Wunder, dass die Armen in Amerika leiden: Wenn ihre Löhne und Sozialleistungen an den VPI gekoppelt waren, sind sie in den letzten vier Jahren real um nahezu 40 % gesunken. Der daraus resultierende Rückgang der Geschäfte in den Einkaufsstraßen, den diese Zahlen offenlegen, erklärt, warum Wal-Mart Stellen abbaut und Filialen schließt und warum Branchenverbände fortwährend enttäuschende Geschäftseinschätzungen veröffentlichen.

Eine zu niedrig ausgewiesene Preisinflation verzerrt alles Makroökonomische grundlegend, von der Geldpolitik bis zur Wirtschaftsberichterstattung. Sie verleitet Zentralbanker zu der Annahme, sie verfehlten ihre Inflationsziele, obwohl sie diese in Wirklichkeit um eine gefährlich große Spanne überschreiten. Sie verleitet Analysten zu der Annahme, man stehe am Rande eines deflationären Einbruchs, bei dem die Preise möglicherweise zusammenbrechen. Und am besorgniserregendsten ist, dass die Anleihemärkte stärker fehlbewertet sind, als es selbst eingefleischten Bären bewusst ist, was sehr wahrscheinlich durch einen Finanzschock korrigiert werden wird.

Man denke nur an all die Anleihen, die die Banken nach den Regeln von Basel III 1 als risikofreie Anlagen erworben haben. Würden die Anleihemärkte, wie es der Chapwood Index nahelegt, eine US-Inflationsrate von dauerhaft rund 10 % einpreisen, müsste die zehnjährige US-Staatsanleihe mindestens diese Rendite abwerfen, möglicherweise mehr. Der Kurs würde sich halbieren, um diese Rückzahlungsrenditen zu erreichen, und Anleihen mit geringerer Bonität würden noch stärker fallen. Auf diese Entwicklung sind alle Finanzmärkte völlig unvorbereitet, ganz zu schweigen von den Folgewirkungen auf Aktien, Derivate und natürlich die Hypothekenzinsen.

 

1Basel III (oder das Dritte Basler Abkommen) ist ein globales, freiwilliges Regelwerk zur Eigenkapitalausstattung von Banken, zu Stresstests und zum Marktliquiditätsrisiko

Haftungsausschluss: Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten und Meinungen sind die des Autors und spiegeln nicht notwendigerweise die von GoldMoney wider, sofern nicht ausdrücklich anders angegeben. Bitte beachten Sie, dass weder GoldMoney noch einer seiner Vertreter Finanz-, Rechts-, Steuer-, Anlage- oder sonstige Beratung erbringt. Eine solche Beratung sollte bei einer unabhängigen, regulierten Person oder Stelle eingeholt werden, die hierfür entsprechend qualifiziert ist. Alle in diesem Artikel enthaltenen Informationen dienen ausschließlich als allgemeiner Marktkommentar und stellen keine Beratung dar. GoldMoney übernimmt keine Haftung für Verluste oder Schäden, die sich unmittelbar oder mittelbar aus der Nutzung dieser Informationen oder dem Vertrauen auf sie ergeben können.

Zurück zu den Goldmoney Analysen