Stagflation: Der allgemeine Preisanstieg beruht darauf, dass die Kaufkraft des Geldes sinkt, und nicht auf einer Preisinflation infolge allgemein steigender Nachfrage.
Der Kreditzyklus, der entwickelte Volkswirtschaften normalerweise durch Boom und Krise führt, verläuft diesmal anders. Der Boom zwischen der Lehman-Pleite und der noch bevorstehenden Krise kam wegen der sehr hohen bestehenden Verschuldung nie richtig in Gang. Diese Lage wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu Stagflation führen.
Normalerweise regt eine längere Phase niedriger Zinsen die Nachfrage nach Bankkrediten zur Finanzierung des Konsums an. Diesmal deutet vieles darauf hin, dass eine längere Phase extrem niedriger Zinsen kaum mehr als die Vermögenspreise angeregt hat. Es gibt inzwischen Anzeichen, dass die Weltwirtschaft ins Stocken gerät und kein Boom kommen wird, weil die Verbraucher bereits am Limit sind.
Daher ist kaum vorstellbar, wie die US-Zinspolitik jemals die Nullzinsgrenze verlassen kann. Sofern es nicht gelingt, den Kreditzyklus wieder in Gang zu bringen, sind die heutigen hohen Vermögenswerte möglicherweise nicht haltbar, und sinkende Vermögenswerte können bei außergewöhnlich hoher Verschuldung zu weitverbreiteten Insolvenzen und einem sich selbst verstärkenden Abschwung führen. Wenn die Erträge produktiver Vermögenswerte nicht wachsen, muss etwas anderes sie ergänzen. Zumindest wird dies eine unbefristete Verlängerung der sehr niedrigen Zinsen über 2015 hinaus bedeuten. Und jedes Mal, wenn die Vermögenswerte Schwächezeichen zeigen, werden geldpolitische Eingriffe erforderlich sein.
In den USA ist die Vermögenspreisinflation seit der Lehman-Krise im Jahr 2008 das erklärte Ziel der Fed. Die Ausstiegsstrategie sah jedoch stets vor, das Wirtschaftswachstum anzuregen, sodass sich die fiskalischen Ungleichgewichte verringern und die Zinsen auf ein normaleres Niveau zurückkehren könnten. Die Anzeichen, dass die US-Wirtschaft und die Weltwirtschaft nun ins Stocken geraten, lassen daher die Möglichkeit aufkommen, dass uns die Nullzinspolitik noch viele Jahre begleiten wird. Und zwar so lange, wie die Preisinflation gedämpft bleibt.
Hier wird die Geldpolitik an ihre Grenzen stoßen. Die Kaufkraft einer Währung kann sich unabhängig von der wirtschaftlichen Nachfrage verändern, was zu Stagflation führt. Technisch gesehen handelt es sich dabei um Inflation in einer stagnierenden Wirtschaft, die einen Präferenzwechsel weg vom Geld und hin zu Sachgütern widerspiegelt. Handelt es sich bei der betreffenden Währung um den Dollar, die Reservewährung, an der alle anderen gemessen werden, kann die Kaufkraft des gesamten Währungsgefüges sinken, ohne dass sich die wirtschaftlichen Bedingungen verbessern.
Extrem niedrige Zinsen, die realistischerweise nicht auf ein angemessenes Marktniveau steigen können, werden die Kaufkraft jeder Währung letztlich untergraben. Die Behörden werden machtlos sein, denn eine ausreichende Zinsanhebung, um das Vertrauen in das Geld wiederherzustellen, würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die seit der Lehman-Krise aufgeschobenen Insolvenzen auslösen und möglicherweise das gesamte Finanzsystem des Westens zum Einsturz bringen. Die Reaktion Volckers im Jahr 1980, auf ähnliche Bedingungen mit stark steigenden Zinsen zu antworten, ist heute keine politische Option.
Kurz gesagt: Die Bedingungen für einen Rückgang der Kaufkraft aller großen Währungen sind inzwischen gegeben. Tritt dies ein, werden die Preise für alles unerklärlicherweise steigen; und wenn der breiten Öffentlichkeit klar wird, dass die Zinsen nicht steigen dürfen, wird die Stagflation sehr schnell unkontrollierbar.