In den letzten zehn Handelssitzungen an der Comex wurden 62 Tonnen Gold und 1.303 Tonnen Silber zur Lieferung angedient. Was sagt uns das?

Für Gold und Silber war es eine Woche mit zwei Hälften: Die Preise stiegen kräftig bis Donnerstag, als sie massiv einbrachen. Im europäischen Handel heute Morgen lag Gold bei 2.670 US-Dollar, per saldo 40 Dollar über dem Schlusskurs vom vergangenen Freitag, nachdem es am Donnerstagmorgen 2.725 Dollar erreicht hatte. Silber lag per saldo 20 Cent niedriger bei 30,80 Dollar, nachdem es zuvor bis auf 32,30 Dollar gestiegen war. Die Handelsvolumina im Goldkontrakt waren moderat, im Silberkontrakt dagegen reger.
Ein Merkmal des Handels in dieser Woche waren überhöhte Aufschläge der Terminkontrakte gegenüber dem Kassapreis. Besonders auffällig war dies bei Silber: Vor dem gestrigen Preiseinbruch entsprach der Aufschlag für den aktiven Februar-Kontrakt gegenüber den Tagesgeldsätzen bis zu 7 % p. a. Aufschläge und Abschläge von Terminkontrakten gegenüber dem Kassapreis können und werden zwar schwanken, doch diese Abkopplung war ungewöhnlich stark. Diese Panikstimmung hat inzwischen nachgelassen, und auf steigende Kurse setzende Hedgefonds-Spekulanten werden zum Ausstieg gezwungen.
Dies ist eine sehr kurzfristige Betrachtung. Weitere Anzeichen für Spannungen am Markt zeigen sich im außergewöhnlich hohen Umfang der Lieferandienungen im Zusammenhang mit dem Auslaufen der Dezember-Kontrakte an der Comex. In den zehn Sitzungen seit Thanksgiving wurden 62,13 Tonnen Gold und 1.302,6 Tonnen Silber zur Lieferung angedient. Dies sind enorme Mengen, insbesondere für einen Derivatemarkt, in dem eine Lieferung nicht beabsichtigt war.
Mit ziemlicher Sicherheit findet ein allgemeiner Short Squeeze auf die Netto-Short-Position des Establishments statt. Als die Derivatemärkte die Preise in der ersten Novemberhälfte nach unten drückten, bot sich die Gelegenheit, gezielt Terminkontrakte zu kaufen, um Gold und Silber geliefert zu bekommen. Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass die Nachfrage nach Edelmetall das Angebot aus anderen Quellen übersteigt: Minenproduktion, Altmetallangebot und sogar Käufe zur Terminerfüllung in London. Sie legt nahe, dass wir diese niedrigen Preise wahrscheinlich nicht wieder sehen werden.
Könnte dies ein frühes Anzeichen dafür sein, dass sowohl Gold als auch Silber deutlich höher bewertet werden müssen, damit sich physisches Angebot und physische Nachfrage ausgleichen?
Bisher wurde die über das verfügbare Angebot hinausgehende Goldnachfrage aus Asien samt der Nachfrage der Zentralbanken von den westlichen Finanzmärkten gedeckt, unter anderem durch einen Abbau der ETF-Bestände. Diese Quellen sind nun versiegt, und genau das könnten uns die Comex-Lieferungen anzeigen.
Die Goldkäufe der Zentralbanken gehörten stets zur Geschichte und waren ein Gradmesser für einen breiteren Vertrauensverlust Asiens in die westlichen Währungen. Auch bei Staatsfonds wird vermutet, dass sie Gold kaufen, und in den vergangenen vierzig Jahren hat die Zahl wohlhabender Familien und Einzelpersonen in China und Südostasien und nun auch in Indien erheblich zugenommen. Banken in China und Russland bieten Sparern Goldkonten an, die zu einer verborgenen Quelle der Nachfrage nach Edelmetall geworden sind.
Im Westen kennen wir mit ziemlicher Sicherheit weder das wahre Ausmaß der Goldnachfrage aus diesen Quellen noch deren Entwicklung. Bei Silber übersteigt die industrielle Nachfrage das Angebot seit vier Jahren; sie wurde nur durch den Abbau strategischer Bestände und der Bestände von Anlegern gedeckt. Auch dies geht zu Ende, sodass erheblich höhere Silberpreise zunehmend wahrscheinlich werden.
Zum Schluss finden Sie für Anhänger der Chartanalyse hier den technischen Chart für Gold:

Gold findet Unterstützung an der 55-Tage-Linie. Und da dem westlichen Finanzsystem die Liquidität an physischem Edelmetall entzogen wurde, scheint es kurz vor seiner nächsten Aufwärtsbewegung zu stehen.