Märkte und Realität voneinander entkoppelt

Das Verhalten der Finanzmärkte ist heutzutage offen gesagt von der Realität abgekoppelt, und wertorientiertes Investieren ist verbannt.

Die Märkte sind verzerrt: durch „Rumsfeld-Knowns“ wie die Zinspolitik und die „Marktlenkung“ (Market Guidance) sowie durch „Rumsfeld-Unknowns“ wie nicht deklarierte Marktinterventionen der Behörden. Hinzu kommt das ferngesteuerte Investieren durch Computer, die mit Algorithmen programmiert sind, und durch Hochfrequenzhändler, die keine menschlichen Werturteile fällen können.

Betrachten wir nur ein Beispiel für mögliche „Marktlenkung“ aus dieser Woche. Am Donnerstag, dem 16. Oktober, deutete James Dullard von der Fed in St. Louis an, dass die quantitative Lockerung (QE) möglicherweise verlängert werde. In den folgenden vier Handelstagen legte der Dow Jones um über 5 % zu. Wurde diese Äußerung durch Anzeichen eines nachlassenden Wirtschaftswachstums ausgelöst oder durch den Wunsch, die abrutschenden Aktienmärkte zu stützen? Hinzu kommt das Eigeninteresse, die Finanzierungskosten der Staaten niedrig zu halten. Dies wirft die Frage auf, ob die außergewöhnlich niedrigen Anleiherenditen, insbesondere in der Eurozone, beabsichtigt oder zufällig sind.

Wer die Theorie vertritt, es handle sich um ein böses Komplott, wird auch festhalten, dass Regierungen und ihre Zentralbanken über Wechselkursstabilisierungsfonds (die ausdrücklich zum Zweck der Marktintervention geschaffen wurden), Staatsfonds und staatliche Pensionsfonds über rund 30 Billionen US-Dollar verfügen, die sie nach eigenem Ermessen einsetzen können. Tatsächlich wird in einer Reihe von Märkten interveniert; die meisten Fehlbewertungen liegen jedoch in den Händen privater, nicht staatlicher Anleger. Als Beleg genügt der Rekordstand der Maklerkredite an Aktienkäufer, die mit einer Gier, die einer modernen Südsee-Blase würdig wäre, ihre spekulativen Gewinne hebeln wollen.

Dies sind keine Märkte mit breiter Beteiligung der Öffentlichkeit, die Dotcom-Aktien und Ähnliches kauft. Vielmehr haben gewöhnliche Menschen ihre Ersparnisse und Pensionsgelder Profis anvertraut, die in ihrem Namen spekulieren. Es sind die Profis, die vom „Yellen-Put“ sprechen, womit gemeint ist, dass die Fed die Kurse schlicht nicht nennenswert fallen lassen wird. Wir können uns darüber sorgen, wer tatsächlich für die Marktverzerrungen verantwortlich ist; stattdessen sollten wir fragen, wer davon profitiert.

Die Regierungen: In der Vergangenheit haben sie ihre Schulden durch einen Prozess gedeckt, der als finanzielle Repression bezeichnet wird. Dabei waren künstlich niedrige Zinsen und Anleiherenditen der wichtigste Mechanismus, durch den Vermögen von den Sparern auf den Staat übertragen wird. Dieser Prozess läuft bis heute weiter. Vergessen Sie die offiziellen Inflationszahlen: Wann hat ein Bankguthaben nach Steuern zuletzt eine positive Rendite nach Abzug der gestiegenen Lebenshaltungskosten erbracht?

Die Nullzinspolitik legt diesen Prozess offen und macht Sparer zu Schuldnern. Der Durchschnittsbürger hat Ersparnisse durch Hypotheken und Autokredite ersetzt. Und während ältere Menschen und andere passive Sparer der finanziellen Repression weiterhin schutzlos ausgeliefert sind, hat der Prozess eine neue Wendung genommen. Die Vermögensübertragung an die Staaten richtet sich nun gegen Anlageverwalter.

Investment- und Hedgefonds, bei denen wir anlegen, spekulieren gemeinsam mit den Banken, die unsere Einlagen entgegennehmen, in unserem Namen. Sie meinen, dass eine zehnjährige Staatsanleihe mit einer Rendite von zwei Prozent eine attraktive Anlage sei, wenn ein Yellen- oder Draghi-Put die Märkte absichert. Damit übertragen sie finanzielle Mittel auf die Staaten, in einer Variante der altmodischen finanziellen Repression.

Unsere gestörten Märkte sind kaum mehr als die unerlässliche Voraussetzung dafür, wie Ludwig XIV. Finanzminister Colbert wohl gesagt hätte, die Gans mit möglichst wenig Gezeter um möglichst viele Federn zu erleichtern.

 

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