Marktbericht: Warten auf Godot

Oder auch: dem Gras beim Wachsen zusehen. So fühlte sich diese Woche an, in der die Volatilität bei Gold vor Thanksgiving gestern und vor dem Schweizer Gold-Referendum am Montag auf ein Minimum sank.

Allerdings ist das Open Interest1 an der Comex2 sowohl bei Gold als auch bei Silber plötzlich eingebrochen, was darauf hindeutet, dass etwas Interessantes vor sich geht.

Gold Open Interest 28112014

Silber Open Interest 28112014

Zugleich ist der Gold-Terminsatz in London (GOFO) auf -0,4 % deutlich negativ geworden, wie die nächste Grafik der LBMA zeigt.

GOFO 28112014

Die Grafik umfasst das bisherige Jahr, und man erkennt, wie der Satz in den letzten sechs Wochen tief in den negativen Bereich gefallen ist. Er befindet sich nun in der stärksten Backwardation3 seit dem 9. März 2001, als ein plötzlicher Engpass bei Edelmetall offenbar rasch behoben wurde, vermutlich aus den Tresoren der Bank of England (Großbritannien verringerte damals seine Goldbestände). Zuvor, im September 1999, hatte der GOFO ein Rekordniveau im negativen Bereich erreicht, woraufhin der Goldpreis innerhalb einer Woche um 20 % stieg. In beiden früheren Fällen schlug der GOFO tief in die Backwardation aus, die rasch wieder umgekehrt wurde. Heute scheint es weder von Zentralbanken noch von anderer Seite die Liquidität zu geben, um den Engpass bei Edelmetall zu beheben, sodass völlig offen ist, wie er diesmal gelöst werden soll.

Wie hängt das nun mit dem Einbruch des Open Interest an der Comex zusammen? Wir werden mehr wissen, wenn heute Abend der Bericht „Commitment of Traders“ (COT) vorliegt. Vorbehaltlich dessen Inhalts handelt es sich höchstwahrscheinlich um die Auflösung von Spread-Positionen, die aufgrund des unerwarteten Anstiegs der Backwardation im physischen Markt verlustbringend geworden sein könnten. Am 18. November lag die Gesamtzahl der Spread-Kontrakte bei Gold bei 104.445 und bei Silber bei 40.580, was zu dieser Erklärung passen würde. Zudem war die Wirkung auf den Markt insgesamt neutral, was nicht der Fall gewesen wäre, wenn ungesicherte Long- oder Short-Positionen aufgelöst worden wären.

Backwardations waren, wie die GOFO-Grafik zeigt, in diesem Jahr von Zeit zu Zeit ein Merkmal des physischen Goldmarktes, doch sie waren nicht so anhaltend oder ausgeprägt wie heute. Falls sich die Zentralbanken als Liquiditätsgeber zurückgezogen haben, könnten wir erste Warnzeichen für ernstere Probleme im Markt sehen, die schwieriger zu lösen wären als in der Vergangenheit.

In der Zwischenzeit notierten die Preise die meiste Zeit der Woche um die 1.190–1.200 US-Dollar, vor dem Schweizer Gold-Referendum am kommenden Montag. Gestern Nachmittag und über Nacht fiel der Goldpreis jedoch unter diese Marke, nachdem die Ölpreise im Anschluss an ein OPEC-Treffen stark gefallen waren.

Weitere Nachrichten: Die Niederlande haben 122,5 Tonnen ihres Goldes aus New York zurückgeholt, ein Schritt, der Deutschland verärgern dürfte, das sich an der Spitze der Warteschlange für Gold von der Federal Reserve Bank of New York eingetragen hatte. Und die chinesische Bevölkerung kaufte in der vergangenen Woche weitere 52,48 Tonnen, sodass es nicht verwundert, dass sich die GOFO-Sätze in einer so ausgeprägten Backwardation befinden.

Nächste Woche

Montag.

Japan: Fahrzeugverkäufe.
Großbritannien: Halifax-Hauspreisindex, BoE-Hypothekengenehmigungen, besicherte Kreditvergabe, Markit-Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe, Geldmenge M4.
Eurozone: Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe.
USA: Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe, ISM-Index für das verarbeitende Gewerbe

Dienstag.

Eurozone: Erzeugerpreise.
USA: Bauausgaben, Fahrzeugverkäufe.

Mittwoch.

Eurozone: Composite-Einkaufsmanagerindex, Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor, BIP (2. Schätzung), Einzelhandelsumsatz.
USA: ADP-Beschäftigungsbericht, Produktivität außerhalb der Landwirtschaft, Lohnstückkosten, ISM-Index für den Nichtfertigungssektor.

Donnerstag.

Großbritannien: BoE-MPC-Leitzins,
Eurozone: EZB-Einlagensatz.
USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe.

Freitag.

Japan: Frühindikator.
USA: Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft (Non-Farm Payrolls), Handelsbilanz, Arbeitslosigkeit, Auftragseingänge der Industrie, Verbraucherkredite.

1 Das Open Interest (auch offene Kontrakte oder offene Positionen genannt) bezeichnet die Gesamtzahl der Derivatkontrakte, wie etwa Futures und Optionen, die für einen bestimmten Basiswert in der unmittelbar vorangegangenen Zeitperiode nicht abgewickelt wurden. Ein hohes Open Interest weist auf mehr Aktivität und Liquidität des Kontrakts hin.[1]

2 Comex ist der US-amerikanische Terminmarkt für den Handel mit Futures und Optionen auf Futures in einer breiten Palette von Rohstoffen, Währungen und Aktienindizes, darunter Gold, Silber, Platin und Palladium.

3 Normal Backwardation, manchmal auch nur Backwardation genannt, bezeichnet die Marktsituation, in der der Preis eines Forwards oder Terminkontrakts unter dem erwarteten Kassakurs bei Fälligkeit des Kontrakts notiert.[1]

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