Ich kann mit Statistiken alles beweisen, außer der Wahrheit
-- Lord Canning, ca. 1819
Trifft Cannings Aphorismus noch immer zu, obwohl sich Datenerhebung und statistische Analyse in den vergangenen zweihundert Jahren bis zur Unkenntlichkeit weiterentwickelt haben? Dieser Artikel prüft diese These.
Er trifft weiterhin zu, und zwar wegen der Interessen, für die Statistiken eingesetzt werden. Wir wissen, oder sollten wissen, dass die Indexierung der Preise mittels VPI die tatsächliche Abnahme der Kaufkraft der Fiat-Währungen nicht abbildet. Das ist zumindest ein einfacher Fall, in dem Regierungen bei der Indexierung Geld sparen. Doch der sparsame Umgang mit der statistischen Wahrheit ist eine weit verbreitete Praxis, die das Unterdrücken von Eingangsdaten, den irreführenden Einsatz und die Verwendung von Statistiken umfasst, um Überzeugungen und gewünschte Ergebnisse zu stützen, statt eine sauber begründete wirtschaftliche und monetäre A-priori-Theorie zu untermauern.
Dieser Artikel kommt zu dem Ergebnis, dass die Anwendung all dieser Methoden die Geldstatistiken verfälscht, einschließlich der drei Hauptkomponenten der Verkehrsgleichung. Anlass dieser Analyse sind die jüngsten Änderungen an der Definition der Geldmenge M1 in den USA.
Einleitung
Monetaristen vertreten seit Langem die Auffassung, dass zwischen Veränderungen der umlaufenden Geldmenge und dem allgemeinen Preisniveau ein Zusammenhang besteht. Er ist nicht der einzige Faktor, der diesen Zusammenhang bestimmt, gilt aber allgemein als belegt. Das theoretische Argument ist so überzeugend, dass ihn niemand bestreitet, nicht einmal die Vertreter der Modernen Monetartheorie. Wir gehen im Allgemeinen davon aus, dass die Geldstatistiken, der Eckpfeiler der vor über einem Jahrhundert entstandenen Verkehrsgleichung, verlässlich sind. Aber selbst Geldstatistiken, deren Komponenten sich aus buchhalterischen Identitäten ergeben, werden auf Geheiß der Behörden zerlegt und neu zusammengesetzt. Das wirft die Frage auf, was wir in einer Zeit beispielloser globaler Geldmengenausweitung in Friedenszeiten als Geld betrachten sollten. Und die geldpolitischen Planer, die die Zielvorgaben verschieben, stellen durch ihr Handeln die makroökonomische Gewohnheit infrage, sich bei der Vorhersage von Ergebnissen ausschließlich auf statistische Belege zu stützen.Im Februar änderte die Fed die Definition von M1 so, dass sie „Spareinlagen“ und „sonstige Sichteinlagen“ einschließt. Sie werden nun zusammengefasst und als „sonstige liquide Einlagen“ ausgewiesen. Die Folge ist, dass M1 steigt, M2 aber unverändert bleibt, wie Abbildung 1 zeigt.

Die Änderung erkennt die Realität an, die in der Definition der Geldmenge der Österreichischen Schule (AMS) längst berücksichtigt ist: dass Einleger und Banken Sparkonten als eine weitere Form von Geld ansehen, das für alltägliche Zahlungen zur Verfügung steht. Die geldpolitischen Planer umgehen solche Überlegungen in der Regel und betrachten die Geldmengendefinitionen aus ihrer politischen Sicht statt aus der Perspektive der Geldnutzer.
Für Statistikliebhaber besteht ein Nachteil darin, dass das neue M1 nur als rückwirkender Monatsdurchschnitt statt als aktuellerer Wochendurchschnitt ohne Weiteres verfügbar ist. Dadurch wird der Anstieg von M1 in dieser Statistik in Zeiten rasch zunehmender Geldinflation zu niedrig erfasst. Und vor allem wird M1 durch diese Änderungen so stark verändert, dass es als statistische Aufzeichnung der Geldinflation unbrauchbar wird.
Dies wirft weitere Fragen auf, etwa ob wir die weite oder die enge Geldmenge als primären Indikator für Veränderungen der Geldmenge betrachten sollten. Und, grundsätzlicher, ob wir die statistischen Einzelheiten außer Acht lassen und versuchen sollten, Geld anhand einer A-priori-Analyse der Tauschtheorie zu verstehen. Hierin liegt der zentrale Unterschied zwischen dem Ansatz der etablierten Monetaristen und dem der Österreichischen Schule. Die heutigen Monetaristen prüfen, wie andere makroökonomische Schulen auch, Thesen anhand statistischer Korrelationen und umgehen so die Notwendigkeit einer soliden theoretischen Analyse. Folglich geht die Definition von Geld selten über simple Annahmen hinaus. Und ihr tatsächlicher Gebrauchswert, der durch weniger vorhersehbares menschliches Handeln bestimmt wird, bleibt unberücksichtigt.
Die Österreichische Schule lehnte den statistischen Ansatz beim Geld im Allgemeinen ab, bis Murray Rothbard versuchte, die umlaufende Geldmenge ausschließlich im Kontext der US-Geldstatistiken zu definieren, eine Arbeit, die Joseph Salerno zusammenführte.[i] Doch die Kombination verschiedener Geldstatistiken wurde nie standardisiert, sodass das, was in Amerika gilt und sich ohnehin nicht genau bestimmen lässt, anderswo nicht zutrifft. Es gilt auch dann nicht, wenn die Zusammensetzung einer Geldkomponente verändert, ausgeschlossen oder aufgenommen wird, wie bei den aktuellen Änderungen an M1.
Daher können statistische Belege, wie auch immer sie aussehen, nur dazu dienen, eine theoretische Analyse zu stützen, und dürfen nicht als Anscheinsbeweis akzeptiert werden. Wie Lord Canning es vor zwei Jahrhunderten formulierte: Mit Statistiken lässt sich alles beweisen, außer der Wahrheit.
Geld definieren
Ein theoretischer Ansatz zum Verständnis von Geld muss mit dessen Definition beginnen. Die folgende Definition stammt aus dem Glossar von von Mises’ Human Action:„Das in der Gesellschaft am häufigsten verwendete Tauschmittel. Das marktgängigste wirtschaftliche Gut einer Gemeinschaft, das Menschen vor allem deshalb anstreben, um Einheiten davon später gegen die von ihnen bevorzugten Güter oder Dienstleistungen einzutauschen. Die umlaufenden Zahlungsmittel, die für die Bezahlung von Gütern, Dienstleistungen und offenen Schulden am bereitwilligsten akzeptiert werden. Geld ist ein unverzichtbarer Faktor für die Entwicklung der Arbeitsteilung und der daraus folgenden indirekten Tauschvorgänge, auf denen die moderne Zivilisation beruht.“Mit anderen Worten: Geld ist das Medium, das Produktion und Konsum durch die Arbeitsteilung miteinander verbindet. Es muss für diesen Zweck unmittelbar verfügbar sein. Dazu zählen zweifellos das umlaufende Bargeld und das Geld auf Bankkonten. Die Fed argumentiert inzwischen zu Recht, dass Spareinlagen Bargeldäquivalente sind, weil sie den Bankkunden in der Praxis sofort zur Verfügung stehen. Es gibt jedoch weitere wichtige Aspekte von Geld, etwa die nicht ausgegebenen Guthaben des Staates. Da diese jederzeit abgerufen werden können, sind sie ebenfalls Geld, genau so, als handelte es sich um Guthaben eines gewöhnlichen Einlegers. Sie sind jedoch nicht in der Fed-Definition von M1 (umbenannt in M1 SL) enthalten. Das ist eine bedeutende Auslassung angesichts der jüngsten Guthaben auf dem allgemeinen Konto der Regierung von bis zu 1,7 Billionen US-Dollar. Wären neben den Spareinlagen auch die nicht ausgegebenen Staatsguthaben einbezogen worden, hätte die Geldmenge M1 SL eher der österreichischen Geldmenge (Austrian money supply, AMS) nach Rothbard in Abbildung 2 geähnelt.[ii]

Die Berechnung der österreichischen Geldmenge beruht auf soliden theoretischen Grundlagen. Das Fehlen des allgemeinen Kontos der Regierung in der offiziellen M1-Berechnung verhindert jedoch, dass diese ein zutreffendes Bild des für Ausgaben verfügbaren Bargelds und der Bargeldalternativen vermittelt. Folglich hat das offizielle M1 die AMS noch nicht eingeholt; es stieg von 3.977 Mrd. US-Dollar im Januar 2020 auf genau ein Jahr später 18.105 Mrd., ein Anstieg um 355 %. Im selben Zeitraum stieg die AMS von 14.082 auf 20.614 Mrd., ein Anstieg um 46 % – vielleicht weniger dramatisch, aber real.
Für das Erwartungsmanagement ist ein tatsächlicher Anstieg der engen Geldmenge um 46 % besorgniserregender als ein weitaus größerer Anstieg, der auf Änderungen der Statistik zurückgeht. Dies scheint der Grund für die teilweise Hinwendung der Fed zur österreichischen Geldmenge zu sein. Sie wählte jedoch einen Mittelweg, der vielleicht weniger auf ein mangelndes Verständnis dafür hindeutet, was Geld für die breite Öffentlichkeit darstellt, als auf den Wunsch, den wahren Zustand der Geldverhältnisse zu verschleiern. Und indem die Geldpolitik die Zinsen niedrig hält, versucht sie, den Geldumlauf zu steigern, das nach Ansicht der Planer andernfalls ungenutzt auf Bankeinlagen läge. Dass Bankeinlagen die Grundlage für Bankkredite sind, deren Ausweitung ebenfalls erwünscht ist, entgeht dieser Argumentation, doch das hält die Planer nicht davon ab, den Geldumlauf steigern zu wollen.
Der Mythos der Umlaufgeschwindigkeit
Selbst bei einer Geldmenge M1, die niedriger ist als AMS, liegt die Umlaufgeschwindigkeit nahe bei eins. Die Umlaufgeschwindigkeit ist ein weithin akzeptiertes Konzept und wird als Kennzahl herangezogen, um den makroökonomischen Diskurs zu fördern. Die St. Louis Fed definiert sie wie folgt:Die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes ist die Häufigkeit, mit der eine Währungseinheit innerhalb eines bestimmten Zeitraums für den Kauf im Inland produzierter Waren und Dienstleistungen verwendet wird. Mit anderen Worten: Sie gibt an, wie oft ein Dollar pro Zeiteinheit für den Kauf von Waren und Dienstleistungen ausgegeben wird. Wenn die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes steigt, finden mehr Transaktionen zwischen den Akteuren einer Volkswirtschaft statt.
Das ist offenkundig unzutreffend. Damit es zuträfe, dürfte es keinen Zusammenhang zwischen Produktion und Konsum geben, und die Verbraucher müssten irgendwie zu Geld gelangen, das sie ausgeben können, ohne es verdient zu haben. Die Geldschöpfung mag diese Bedingung scheinbar erfüllen, weil ein Teil des Geldes aus dem Nichts geschaffen und nicht von den wirtschaftlichen Akteuren tatsächlich erwirtschaftet wird. Dies entschuldigt diese Verleumdung jedoch nicht. Für die Neokeynesianer macht die Leugnung des Say’schen Theorems diesen statistischen Ansatz akzeptabel. Dieses beschreibt die Grundlage der Arbeitsteilung und weist darauf hin, dass Geld das marktgängigste Zwischengut ist, dessen Hauptfunktion es ist, die Umwandlung von Produktion in Konsum zu ermöglichen.
Wenn es ein Konzept gibt, das den Unterschied zwischen einem makroökonomischen Top-down-Ansatz und der Realität des Alltags veranschaulicht, dann sind es Konzepte wie die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes.
Vergleichen Sie die folgenden Aussagen:
„Immer wenn der Zinssatz auf Finanzanlagen niedrig ist, sinkt der Wunsch, Geld zu halten, da die Menschen versuchen, es gegen andere Güter oder Finanzanlagen einzutauschen. Infolgedessen steigt die Umlaufgeschwindigkeit. Wenn die Geldnachfrage niedrig ist, ist also die Umlaufgeschwindigkeit hoch. Umgekehrt ist die Geldnachfrage hoch, wenn die Opportunitätskosten bzw. Alternativkosten niedrig sind, und die Umlaufgeschwindigkeit ist niedrig.“ Corporate Finance Institute – What is velocity of circulation?
Dies steht im Einklang mit der Politik der Geldplaner, die Zinssätze zu unterdrücken. Sie drücken den Zinssatz, um den Geldumlauf anzuregen. Wenn dies aber zutrifft, kann das Gegenteil nicht ebenfalls gelten. Dennoch ging heute der Rückgang der Umlaufgeschwindigkeit auf annähernd eins im Verhältnis zum BIP mit sinkenden Zinsen einher, bis hin zur Nullzinsgrenze, was die makroökonomischen Annahmen widerlegt.
Die nächste Aussage stammt von einem Ökonomen der klassischen, österreichischen Tradition:
„Die mathematischen Ökonomen weigern sich, von der Nachfrage der einzelnen Individuen nach Geld und von deren Angebot auszugehen. Stattdessen führen sie nach dem Muster der Mechanik den unechten Begriff der Umlaufgeschwindigkeit ein.“ Ludwig von Mises, Human Action.
Im Ergebnis sagt von Mises, dass freie Märkte darüber entscheiden, wie Geld verwendet wird, und nicht die staatliche Steuerung der Zinssätze.
Der mathematische Ökonom könnte argumentieren, dass die Zinssätze das Verhältnis zwischen Konsum und Sparen beeinflussen, wobei höhere Zinsen den unmittelbaren Konsum verringern. Das ist jedoch ein Ablenkungsmanöver, denn das BIP umfasst Unternehmensinvestitionen und Staatsausgaben, die aus Ersparnissen und damit aus Geld finanziert werden, das nicht für den direkten Konsum ausgegeben wird. Um die Fehler im Konzept der Umlaufgeschwindigkeit besser zu verstehen, müssen wir uns mit seinen Ursprüngen befassen.
Der Begriff der Umlaufgeschwindigkeit entstand aus der Quantitätstheorie des Geldes, die Veränderungen der Geldmenge mit Veränderungen des allgemeinen Preisniveaus verknüpft. Dies wird in der Verkehrsgleichung dargestellt. Die Grundelemente sind Geld, Umlaufgeschwindigkeit und die Gesamtausgaben, die durch das BIP repräsentiert werden. Die folgende Formulierung ist die einfachste von mehreren:
Geld x Umlaufgeschwindigkeit = Gesamtausgaben (oder BIP)
Wenn wir davon ausgehen, dass sich sowohl die Geldmenge als auch die Gesamtausgaben messen lassen, erhalten wir die Umlaufgeschwindigkeit. Dies sagt uns jedoch nicht, warum die Umlaufgeschwindigkeit schwanken könnte: Wir wissen lediglich, dass sie schwanken muss, damit die Gleichung aufgeht. Man könnte ebenso gut behaupten, zwei völlig unabhängige Kennzahlen ließen sich in eine mathematische Gleichung setzen, sofern eine Variable enthalten ist, deren einzige Funktion darin besteht, die Gleichung stets aufgehen zu lassen. Mit anderen Worten: Die Umlaufgeschwindigkeit ist kein gültiger Ausdruck der Beziehung zwischen Geld und Preisen; sie dient lediglich dazu, eine Gleichung auszugleichen, die andernfalls gar nicht existiert.
Die Kritik von Mises’ beruht auf der philosophischen Logik, dass die Ökonomie eine Sozialwissenschaft und keine Naturwissenschaft ist. Mathematische Beziehungen müssen daher strikt auf die Buchführung beschränkt bleiben und dürfen nicht mit der Lösung wirtschaftlicher Fragen verwechselt werden. Leider ist das Konzept der Umlaufgeschwindigkeit im Denken von Ökonomen und Kommentatoren so fest verankert, dass ihnen dieser entscheidende Punkt entgeht.
Die einzige scheinbare Gewissheit in der Verkehrsgleichung ist die Geldmenge, sofern sie vollständig erfasst ist. Niemand scheint nicht erfasstes Geld oder Vermögenswerte zu berücksichtigen, die als leicht verfügbare Bargeldalternativen gehalten werden dürften. Wenn das Geld zudem solide ist, wie es zur Zeit der Entwicklung der Quantitätstheorie der Fall war, ließe sich folgern, dass eine Zunahme der Geldmenge nach einer Zeitverzögerung, die den vollständigen Umlauf ermöglicht, die Preise unmittelbarer steigen lässt, weil Veränderungen der allgemeinen persönlichen Liquidität in einer Bevölkerung mit solidem Geld tendenziell stabiler sind als unter einem Fiat-Geldsystem.
Heute haben wir kein solides Geld mehr, dessen Kaufkraft ungehindert und über Landesgrenzen hinweg von den Präferenzen der Menschen bestimmt wurde. Stattdessen haben wir Fiat-Währungen, deren Kaufkraft an den Devisenmärkten festgelegt und durch staatliche Eingriffe verfälscht wird. Ein anschauliches Beispiel für die Folgen liefert die isländische Krone, die am 8. Oktober 2008 plötzlich die Hälfte ihres Wertes verlor, was nichts mit Veränderungen der Geldmenge, ihrer Umlaufgeschwindigkeit oder dem BIP Islands zu tun hatte.
In der Wirtschaftsgeschichte war der Währungszusammenbruch Islands kein Einzelfall. Die Kaufkraft einer Fiat-Währung schwankt fortwährend, bis hin zu ihrem völligen Verlust, unabhängig von Veränderungen ihrer Menge. In Wahrheit hängt der Nutzen einer Fiat-Währung kurzfristig vollständig von den subjektiven Einschätzungen der Einzelnen ab, die sich an den Märkten äußern, und hat wenig mit einem mechanischen Mengenverhältnis zu tun. In dieser Hinsicht kann schon die bloße Möglichkeit unbegrenzter Geldausgabe oder ein Wandel in der Wahrnehmung der finanziellen Stabilität des Emittenten ausreichen, um eine Währung zu destabilisieren, wie Island erfahren musste.
Nach der Verkehrsgleichung dürfte es so nicht funktionieren. Die Abfolge lautet: Zuerst steigt die Geldmenge, dann steigen die Preise, denn nach monetaristischer Logik steigen die Preise infolge des zusätzlich ausgegebenen Geldes, nicht infolge von Geld, das erst noch ausgegeben wird. Bei einer mechanischen Theorie ist für Subjektivität kein Raum.
Es ist daher unsinnig zu folgern, die Umlaufgeschwindigkeit sei ein wichtiges Signal. Die Verknüpfung von Veränderungen der Geldmenge mit der Wirkung auf die Preise ist bei solidem Geld, das durch Goldmünzen gedeckt und frei in diese tauschbar ist, sicherlich eher gerechtfertigt. Doch keine wesentliche Änderung des ursprünglichen Konzepts hat die unterschiedlichen Eigenschaften von solidem Geld und Fiat-Geld berücksichtigt.
Die monetaristische Theorie in ihrer heutigen Form bleibt zumindest ein Ablenkungsmanöver, bis die Monetaristen schließlich erkennen, dass die Umlaufgeschwindigkeit nichts weiter ist als ein Faktor, um ihre Gleichung auszugleichen. Sie ist bezeichnend für die falsche Mechanisierung menschlichen Verhaltens durch moderne Makroökonomen. Es sollte jedoch auch festgehalten werden, dass sich das Konzept der Umlaufgeschwindigkeit nicht mit einer einfachen Tatsache des Alltags vereinbaren lässt: Wir verdienen unser Gehalt und erzielen unsere Gewinne einmal und geben sie dann aus. Das ist eine konstante Umlaufgeschwindigkeit von genau eins, vorausgesetzt, die Kassenbestände ändern sich im betrachteten Zeitraum nicht.
Dies ist die unwiderlegbare Schlussfolgerung des Say’schen Theorems. Es wurde jedoch von Keynes in seiner „General Theory“ verworfen, um Platz für seine makroökonomischen Trugschlüsse zu schaffen.
Die Folgen der Geldmengenausweitung
Folgt man Rothbards Logik, wonach Geld und seine unmittelbar einlösbaren Äquivalente in der Vorstellung des Einzelnen zusammen die wahre Geldmenge bilden, so zeigt Abbildung 2 oben: In einer Volkswirtschaft, deren annualisiertes BIP auf 21,5 Billionen US-Dollar geschätzt wird und deren österreichische Geldmenge (Austrian Money Supply, AMS) 20,6 Billionen US-Dollar beträgt, entspricht diese Geldmenge 95 % aller Transaktionen. Das legt nahe, dass der durchschnittliche Wirtschaftsakteur nahezu den Gegenwert eines Jahres an liquiden Mitteln hält. Infolge der fortgesetzten Geldmengenausweitung ist die US-Wirtschaft offenkundig von Geld überschwemmt, das im Durchschnitt kaum noch zirkuliert.Neben der AMS gibt es Kreditgeld. Es wird zu Recht ausgeschlossen, denn da es auf der Bilanz einer Bank der Gegenposten zu den Einlagen ist, steht es nicht zwangsläufig für unmittelbare Zahlungen zur Verfügung – die Bank kann die Vergabe nicht in Anspruch genommener Kredite jederzeit einschränken. Zu dieser Kategorie können wir auch Guthaben im Schattenbankensystem zählen. Zahlungen per Kreditkarte erfolgen zudem nicht sofort, da die Bezahlung der Waren um bis zu einen Monat verschoben wird; daher sind diese und ähnliche Kreditfazilitäten ebenfalls auszuschließen.
Es besteht offensichtlich ein Zusammenhang zwischen der Ausweitung der Bankkredite und dem Wachstum der Einlagen. Dies wirft die Frage auf, ob die dadurch geschaffenen Einlagen in die AMS einbezogen werden sollten. Die Antwort lautet, dass zwischen Einlagen und solchen, die aus der Kreditausweitung hervorgehen, kein Unterschied gemacht werden sollte, denn für den Nutzer gelten alle Bankeinlagen als Geld, gleich welchen Ursprungs.
Überließe man es freien Märkten und solidem Geld, wäre Geld zweifellos knapp, aber reichlich genug, um als Tauschmittel zwischen Produktion und Konsum zu dienen. Dass Fiat-Dollar in der heutigen Menge existiert, ist daher die Folge einer Politik des leichten Geldes. Anstatt davon auszugehen, dass negative Zinsen die Bevölkerung zur Verwendung des Geldes anregen werden – was zweifellos dem offiziellen Denken zugrunde liegt –, sollte man sich darum bemühen, die Gefahr zu verringern, dass überschüssiges Geld unerwartet für den Kauf von Waren mobilisiert wird.
Das Unbehagen an der gegenwärtigen Lage erklärt sich durch von Mises’ Beschreibung der Rolle des Geldes als „das marktgängigste Wirtschaftsgut einer Gemeinschaft, das die Menschen in erster Linie anstreben, um Einheiten davon später gegen die von ihnen bevorzugten Waren oder Dienstleistungen einzutauschen“. Das Risiko besteht darin, dass erhebliche Geldmengen für diese Funktion mobilisiert werden, wenn die Menschen beschließen, das Verhältnis zwischen dem Besitz von Geld als Reserve und dem Besitz von Waren, die sie nicht unmittelbar benötigen, zu verändern.
Da die Corona-Lockdowns jedoch große Teile der industriellen Produktion lahmgelegt haben, stehen die Waren und Dienstleistungen zur Befriedigung dieser potenziellen Nachfrage nicht zur Verfügung. Folglich können die Preise nur deutlich steigen, bis sich das Geldverhältnis wieder ausgleicht. Mit anderen Worten: Das nominale BIP, das lediglich eine Geldsumme darstellt, worauf wir weiter unten eingehen, wird dramatisch zu steigen scheinen. Und da die offiziellen Schätzungen der Preisinflation offenkundig unterdrückt werden, wird das amtlich ausgewiesene „reale“ BIP als Beleg für den Erfolg der Geldpolitik bei der Rettung der Wirtschaft angeführt werden. Man sollte jedoch Cannings Aphorismus bedenken: Mit Statistiken kann ich alles beweisen, nur nicht die Wahrheit …
Trugschlüsse beim BIP
Bisher haben wir die Fehler in den offiziellen Geldstatistiken aufgezeigt und erklärt, warum die Umlaufgeschwindigkeit bedeutungslos ist. Die Unkenntnis über die Umlaufgeschwindigkeit lässt sich vielleicht nachvollziehen, denn die Überlegungen hinter der Verkehrsgleichung gehen der Makroökonomie voraus und beruhen auf einer Annahme, die nur teilweise durch Argumente gestützt wird. Wir wenden uns nun der dritten und letzten Komponente der Verkehrsgleichung zu. Unkenntnis über das BIP lässt sich nicht so leicht rechtfertigen: Es wurde in den 1930er-Jahren erfunden, und sein einziger praktischer Nutzen besteht darin, dem Staat das Potenzial für Steuereinnahmen anzuzeigen. Seine Rolle in der Verkehrsgleichung als Ersatz für Preise ist irreführend.Das BIP ist nichts weiter als eine Geldsumme der erfassten Transaktionen während eines Zeitraums, in der Regel eines Jahres oder auf ein Jahr hochgerechnet. Es gibt keinen Aufschluss über die Qualität der Transaktionen und den wirtschaftlichen Fortschritt, wie gemeinhin angenommen wird. Es steht im Einklang mit dem, was von Mises als gleichmäßig rotierende Wirtschaft bezeichnete. Wir können erneut auf das Glossar in seinem Werk „Human Action“ verweisen:
„Eine gedachte Wirtschaft, in der sich alle Transaktionen und physischen Bedingungen in jedem gleichartigen Zeitzyklus unverändert wiederholen. Es wird angenommen, dass alles genau wie zuvor fortbesteht, einschließlich aller menschlichen Vorstellungen und Ziele. Unter solchen fiktiven, konstant sich wiederholenden Bedingungen kann es keine Nettoveränderung bei Angebot oder Nachfrage und folglich auch keine Preisänderung geben.“
Bereinigt man es um die offiziell erfasste Preisinflation, scheint das BIP alle Bedingungen einer gleichmäßig rotierenden Wirtschaft zu erfüllen. Offensichtlich entspricht dies nicht der Wirklichkeit. Wäre zudem die Geldmenge konstant und würde die Handelsbilanz dafür sorgen, dass sie innerhalb einer Gemeinschaft bliebe, würde auch das BIP dieser Gemeinschaft konstant bleiben. Die Logik dieser Aussage ist unanfechtbar.
Daher müssen zahlenmäßige Zuwächse in einer gleichmäßig rotierenden Wirtschaft von der Geldseite kommen. Mit anderen Worten: Wenn die Geld- und Kreditmenge einer Volkswirtschaft steigt, steigt auch das BIP. Und nichts von diesem Anstieg lässt sich auf eine Verbesserung der wirtschaftlichen Bedingungen zurückführen, da es einer konstant rotierenden Wirtschaft nachgebildet ist. Dies zeigt sich deutlich, wenn man die monetäre Expansion aus der BIP-Statistik herausrechnet, wie in Abbildung 3 dargestellt.

Das nominale BIP, bereinigt um die weit gefasste Geldmenge, zeigt uns, dass das US-BIP tatsächlich gleichmäßig rotiert und dies seit über vier Jahrzehnten ohne große Schwankungen tut. Die einzigen nennenswerten Ausnahmen waren die Zeit nach der Lehman-Krise, als die US-Wirtschaft in einen kurzen Abschwung geriet, der stärker war als die Ausweitung der weit gefassten Geldmenge, sowie das Jahr 2020. Letzteres spiegelt eine starke Zunahme von Arbeitslosen und Unterbeschäftigten wider, die während des Lockdowns aufgrund des Coronavirus weiterhin Direktzahlungen der Regierung erhalten.
Die Schwere des wirtschaftlichen Einbruchs im vergangenen Jahr wurde somit durch die Ausweitung der weit gefassten Geldmenge verdeckt. Und ihre weitere Ausweitung seit dem letzten Datenpunkt (3. Quartal 2020) wird auch künftig das wahre Ausmaß des Konjunktureinbruchs verschleiern. Zur weiteren Bestätigung zeigt Abbildung 4 dieselbe Beziehung zwischen BIP und Geldmenge für das Vereinigte Königreich, wo ähnliche Faktoren wirken.

Etablierte Ökonomen unterscheiden nicht zwischen der Realwirtschaft und dem BIP. Man hört oder liest nie eine Unterscheidung zwischen beiden, und Mises’ gleichmäßig rotierende Wirtschaft beschränkt sich fast ausschließlich auf einige ungelesene vor-keynesianische Texte. Dass sein Anstieg jedoch vollständig an die Zunahme der Geldmenge gekoppelt ist, zeigt, dass dieser Anstieg völlig bedeutungslos ist. Doch Geld- und Wirtschaftspolitik müssen etwas liefern, um ihre Existenz zu rechtfertigen, ganz zu schweigen vom Lebensunterhalt aller Regierungsökonomen und Statistiker sowie ihrer Gegenstücke in Finanz- und Bankinstituten.
Angesichts all des Inflationsgeldes, das heute in die Volkswirtschaften gelenkt wird, kann es jedoch kaum Zweifel geben, dass das BIP entsprechend steigen wird. Doch wie die Diagramme in den Abbildungen 3 und 4 zeigen, befinden sich die Volkswirtschaften der USA und des Vereinigten Königreichs bei gekappter Produktionskapazität in einer Depression.
Canning ruft uns zu: Vergessen Sie die Statistiken, sehen Sie sich einfach um.
[i] Rothbards ursprünglichen Kommentar finden Sie unter https://cdn.mises.org/Austrian%20Definitions%20of%20the%20Supply%20of%20Money_2.pdf
[ii] Zusätzlich zu diesen Komponenten für AMS gibt es „sonstige Sichteinlagen“, darunter NOW-Konten (Negotiable Order of Withdrawal), Salden automatischer Überweisungsdienste, Credit-Union-Share-Draft-Salden und Sichteinlagen bei Sparinstituten (Thrifts). Nicht alle diese Komponenten sind in der AMS-Definition eindeutig Geld, sie wurden jedoch einbezogen, da sie auch in der neuen M1-SL-Reihe enthalten sind, um den Vergleich zu erleichtern.