Eurosklerose

Im Handbuch der Monetaristen scheint es kaum oder gar nichts zu geben, womit sich das Risiko eines Vertrauensverlusts in die Kaufkraft einer Papierwährung beurteilen ließe.

Da die heutigen Makroökonomen das Saysche Gesetz1, auch als Gesetz der Märkte bekannt, zudem verworfen haben, können sie die subtileren Aspekte der Rolle des Geldes bei der Preisbildung kaum erfassen. Dieses potenziell wichtige Thema scheint zu einem Zeitpunkt ignoriert zu werden, an dem die Eurozone wachsenden systemischen Risiken gegenübersteht, die letztlich die Gültigkeit des Euro als Geld infrage stellen könnten.

Der Euro ist vor allem deshalb anfällig, weil er noch nicht lange existiert und sein Ursprung als Geld schlicht verordnet wurde. Er ist nicht aus Mark, Franc, Lira oder irgendetwas anderem hervorgegangen; er ersetzte die bestehenden Währungen der Mitgliedstaaten über Nacht per Dekret. Dies steht im Gegensatz zu Dollar oder Pfund Sterling, deren Ursprünge als Goldsubstitute liegen und die sich im Laufe des letzten Jahrhunderts schrittweise zu eigenständigem, ungedecktem Fiatgeld entwickelten. Warum dieser Unterschied wichtig ist, fasst das Regressionstheorem zusammen.

Das Theorem besagt, dass Geld seinen Ursprung in einem Wert für einen nichtmonetären Zweck haben muss. Deshalb besteht Gold, das ursprünglich als Schmuck diente und noch heute als Schmuck verwendet wird, fort, während alle Staatswährungen im Lauf der Geschichte letztlich gescheitert sind. Daraus folgt, dass bei fehlendem Gebrauchswert das Vertrauen in das Geld für moderne Währungen grundlegend ist.

Das Theorem erklärt, warum wir bei Transaktionen selbstverständlich annehmen können, dass Preise die subjektiven Werte der Güter und Dienstleistungen widerspiegeln, die wir kaufen. Anders verhält es sich bei Geld, das nicht verbraucht wird, sondern lediglich den Besitzer wechselt und dem beide Parteien einer Transaktion einen objektiven Wert beimessen. Deshalb werden die Symptome der Geldinflation gewöhnlich als steigende Preise bezeichnet und nicht als Rückgang der Kaufkraft des Geldes.

Die Europäische Zentralbank (EZB) geht offensichtlich davon aus, dass der Euro Geld ist, das jeder anderen großen Währung mit längerer Geschichte ebenbürtig ist. Trotz der gelegentlich geäußerten Vorsicht von Befürwortern soliden Geldes in der deutschen Bundesbank verfolgt die EZB entschlossen eine Geldpolitik, die darauf abzielt, ihre Währung zu schwächen. So hat sie ihren Einlagensatz für Banken der Eurozone auf minus 0,2 % gesenkt. Das ist in einer Welt, in der der Besitz von Geld stets mehr wert ist als ein Schuldschein, völlig unnatürlich. Außerdem werden Banken ermutigt, die Bargeldabhebungen ihrer Kunden zu begrenzen, oft unter dem Vorwand der Bekämpfung von Steuerhinterziehung oder Geldwäsche. In Griechenland dienen die Beschränkungen von Bargeldabhebungen jedoch offensichtlich dem Schutz der Banken.

Bislang wird in diesem Artikel nichts aufgezeigt, was tatsächlich auf eine Destabilisierung des Euro hindeutet, außer dass es generell keine gute Idee ist, mit den Rechten der Menschen an ihm zu spielen. Nehmen wir aber einmal an, Griechenland gerät in Zahlungsverzug. In diesem Fall würde das griechische Bankensystem mit Sicherheit zusammenbrechen (vorausgesetzt, die EZB setzt ihre Notfall-Liquiditätshilfe (ELA) aus), da die bereits in den Bilanzen befindlichen uneinbringlichen Forderungen das materielle Eigenkapital erheblich übersteigen. Wird diese Hilfe zurückgezogen, gehen rund 80 Mrd. € an ELA verloren. Hinzu kommen TARGET2-2-Salden bei den übrigen Zentralbanken des Euroraums, die durch die Kapitalflucht aus Griechenland entstanden sind und von der EZB garantiert werden; sie belaufen sich auf weitere 42 Mrd. €. Damit steht die EZB mit 122 Mrd. € im Minus. Leider betragen das Eigenkapital und die Rücklagen der EZB zusammen nur 96 Mrd. €, sodass ein griechischer Zahlungsausfall die Notenbank des Euro als bedenklich unterkapitalisiert bloßstellen würde.

Wenn Griechenland in Zahlungsverzug gerät, wäre daher zumindest zu erwarten, dass die Gültigkeit dieses relativ neuen Euro an den Devisenmärkten infrage gestellt wird. Selbst wenn die EZB beschlösse, aus einem griechischen Zahlungsausfall zu retten, was zu retten ist, indem sie die Rangfolge der Bankgläubiger per Bail-in zu ihren Gunsten ändert, müsste sie dennoch erhebliche Rückstellungen aus ihrer eigenen unzureichenden Kapitalbasis bilden. Aus diesem Grund erscheint es wahrscheinlich, dass man Griechenland sein Spiel des „Chicken Game“ gegen die Eurozone gewinnen lässt, statt zu riskieren, die EZB als unterkapitalisiert bloßzustellen. Die übrigen Euro-Staaten müssten dann genug Geld aufbringen, um fällige Schulden zu begleichen und die Gehälter im öffentlichen Dienst zu decken. Wird das also den Euro retten?

Vielleicht, doch dann möglicherweise nicht für lange. Geben die Finanzminister der Eurozone gegenüber Griechenland nach, wird es für andere verschwenderische Staaten schwerer, eine fortgesetzte Sparpolitik durchzusetzen. Parteien gegen die Sparpolitik, wie Podemos in Spanien, werden immer wahrscheinlicher die Regierungen von morgen bilden, und Spanien steht noch in diesem Jahr vor einer Parlamentswahl. Ministerpräsident Renzi in Italien und Präsident Hollande in Frankreich wollen die Sparpolitik beenden und die Staatsausgaben erhöhen, um so die wirtschaftliche Rettung zu erreichen. Unglücklicherweise für die unterkapitalisierte EZB und ihre junge Währung geraten sie zunehmend wahrscheinlich zwischen die Fronten der nördlichen Gläubiger und der verschwenderischen Schuldner im Süden.

Selbst wenn Griechenland vor dem Zahlungsausfall bewahrt wird, muss die EZB die griechischen Banken stärken. Dies dürfte auf zwei Wegen geschehen: erstens, indem man sie zu einer Rekapitalisierung zwingt, mit oder ohne Bail-ins, und zweitens, indem man Geldabflüsse durch Kapitalverkehrskontrollen und notfalls strenge Obergrenzen für Abhebungen der Einleger beschränkt. Im Wesentlichen ist es die Rückkehr zur zyprischen Lösung.

Wie auch immer man mit Griechenland verfährt, die Einwohner der Eurozone werden sich mit einer Währung wiederfinden, die zunehmend fragwürdig wird. Das Debakel des Bail-ins in Zypern ist den Einlegern noch immer präsent. In Griechenland ist Zypern gewiss nicht vergessen: Dort kaufen gewöhnliche Menschen inzwischen mobile Sachgüter, die sich leicht weiterverkaufen lassen, etwa deutsche Automobile, und zwar mit Guthaben, die sich nicht bar abheben lassen und andernfalls durch einen Bail-in nach zyprischem Muster gefährdet sind. Griechische Einleger haben erkannt, dass Euro-Guthaben bei den Banken nicht verlässlich Geld sind. Bargeld ist noch Geld, aber mehr auch nicht, und zudem wird es rationiert.

Der nächste Schlag für den Euro könnte vom Wechselkurs kommen. Verliert der Euro an den Devisenmärkten weiter an Kaufkraft, dürfte dies das Vertrauen vor Ort untergraben. Und wenn das geschieht, wird es für die EZB zunehmend schwierig, die Lage zu retten und die Glaubwürdigkeit des Euro als Geld zu wahren. Es erscheint schlicht nicht vernünftig, mit einer Währung, die erst seit dreizehn Jahren existiert, derart enorme Risiken einzugehen.

1 „Say'sches Theorem“ (Say's Law of Markets): Eine ökonomische Regel, wonach die Produktion die Quelle der Nachfrage ist. Nach dem Say'schen Theorem wird eine Person, die ein Produkt oder eine Dienstleistung erzeugt, für diese Arbeit bezahlt und kann mit diesem Entgelt anschließend andere Güter und Dienstleistungen nachfragen.

2 TARGET2 ist ein Interbanken-Zahlungssystem zur Echtzeitabwicklung grenzüberschreitender Überweisungen in der gesamten Europäischen Union. TARGET2 ersetzte im November 2007 TARGET (Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System).

 

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