An den Märkten setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, dass niedrigere Dollar-Zinsen eine Illusion sind. Wenn ein Diagramm mehr sagt als tausend Worte, dann dieses:

Seit ihrem Höchststand von rund 15 % Anfang der Achtzigerjahre verlief der Trend der US-Anleiherenditen vierzig Jahre lang abwärts. Als die Rendite im April 2022 die Marke von 2,8 % überschritt (ja, nur 2,8 %), hätten die Alarmglocken läuten müssen. Als sie im vergangenen Oktober von 5 % wieder nach unten drehte, atmeten die Anleger erleichtert auf und erwarteten sinkende Zinsen und Anleiherenditen: Die Inflation sei vorbei.
Zwischen Oktober und Februar stieg die monatliche Inflationsrate jedoch kontinuierlich an (im März verharrte sie auf dem Februarwert). Von Bedeutung ist zudem, dass Larry Summers im vergangenen Monat einen gemeinsamen Bericht von Harvard und dem IWF anführte, der den Verbraucherpreisindex (VPI) unter Einbeziehung der Finanzierungskosten neu berechnete und zu dem Ergebnis kam, dass die VPI-Inflation 2022 bei 18 % lag. Diese Finanzierungskosten bestehen weiterhin, sodass die aktuellen offiziellen Schätzungen von 3,4 % die Inflation erheblich unterzeichnen.
Würde die Fed ihren Leitzins senken und das Bankensystem folgen, würde die nach Summers’ Berechnung ermittelte Inflationsrate selbstverständlich sinken. Darauf achtet die Fed jedoch nicht. Sie sieht, dass die Rohstoff- und Energiepreise wieder steigen. Besonders stark steigt Benzin, eine bedeutende VPI-Komponente: In diesem Jahr liegt es bereits 14 % höher. Wie mir ein gemeinsamer Bekannter beim IWF, der Summers gut kennt, sagte, ist es erstaunlich, dass er der Entwicklung stets voraus ist, wenn ein Politikwechsel bevorsteht. Und er sagt, dass die Inflation weiterhin ein Problem sei – im Widerspruch zu den Märkten.
Das Diagramm, das mehr als tausend Worte sagt, ist also tatsächlich nicht zu ignorieren, und wir sehen, dass der Supertanker, der die globalen Zinsen bestimmt, in Richtung höherer Zinsen dreht. Die Erwartungen niedrigerer Zinsen werden fortwährend verschoben und treffen womöglich gar nicht ein. Zudem hat Summers in einer Reihe von Bloomberg-Interviews immer wieder betont, dass die Fed die Zinsen nicht senken sollte.
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