Die Ökonomie eines Crashs

In diesem Monat ist etwas geschehen, das nicht sehr oft vorkommt: Es scheint sich um die Anfangsphase eines globalen Börsencrashs zu handeln.

Im Augenblick stehen die Anleger unter Schock, suchen Beruhigung und sind eifrig darauf bedacht, ihre schwindenden Vermögenswerte zu bewahren, statt über die tieferen wirtschaftlichen Ursachen nachzudenken. Die Schuld an einem Crash wird von den Kommentatoren des Finanz-Mainstreams stets entfernten Faktoren zugeschrieben, etwa der Finanzkrise in China, und hat angeblich wenig mit den Ereignissen im eigenen Land zu tun. Eine Analyse dieser Art ist selektiv und gründlich verfehlt. Ziel dieses Artikels ist es, einen Überblick über den wirtschaftlichen Hintergrund der heutigen Märkte sowie über die wahrscheinlichen Folgen zu geben.

Die Ursprünge einer sich entwickelnden Krise liegen tief im Finanzsystem verankert und reichen bis zur Erfindung der Zentralbanken zurück, insbesondere aber bis zum Abkommen von Bretton Woods, der Grundlage des Währungssystems der Nachkriegszeit. In den 1940er-Jahren übernahmen Regierungsökonomen die neue keynesianische Sichtweise, wonach das Saysche Gesetz, das Gesetz der Märkte, bedeutungslos sei und Angebot und Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen als voneinander unabhängig betrachtet werden könnten. Entscheidend war dabei die Auffassung, Ersparnisse sollten in den unmittelbaren Konsum umgelenkt und als Quelle der Investitionsfinanzierung durch einen flexibleren Umgang mit Geld und Kredit ersetzt werden.

Keynes wollte eine neue Superwährung, die er Bancor nannte. Stattdessen erhielt die Welt den Dollar und das „volle Vertrauen und die volle Kreditwürdigkeit“ („full faith and credit“) der US-Regierung, ausgedrückt durch ihre beträchtlichen Goldreserven. Zwar konnten Zentralbanken Dollar zu 35 US-Dollar je Unze in Gold tauschen, doch gab es keine wirksame Begrenzung für die Ausgabe von Dollar-Geld und -Krediten. Dadurch konnte Amerika den Korea- und den Vietnamkrieg finanzieren, ohne auf inländische Steuern zurückgreifen zu müssen. Als diese für den Export bestimmten Dollar in den späten Sechzigerjahren zurückflossen, begann der Ansturm auf Dollar zugunsten von Gold. Er führte zum Nixon-Schock, mit dem die USA das Abkommen von Bretton Woods schließlich auf den Müllhaufen der Geschichte warfen.

Ab den 1970er-Jahren behielt der Dollar seine Rolle als weltweite Reservewährung ganz ohne Goldkonvertibilität bei. Als gezielte Politik versuchte die US-Regierung, Gold den Status als Geld zu nehmen, indem sie schlicht bestritt, dass es eine solche Rolle habe. Diese Propaganda hält bis heute an und wird als Fortschritt bei der Entwicklung staatlich ausgegebener Währungen dargestellt. Nachdem man sich so der Fesseln soliden Geldes entledigt hatte, wurden Geld und Kredit ausgeweitet, um die stark gestiegenen Ölpreise der frühen 1970er-Jahre zu bezahlen, und lateinamerikanischen Kreditnehmern ohne nennenswerte Beschränkung zur Verfügung gestellt. Darauf folgte in der zweiten Hälfte jenes Jahrzehnts ein sich beschleunigender Verlust der Kaufkraft des US-Dollars.

Die Ausweitung von Geld und Kredit seit Bretton Woods verfälschte die unternehmerische Kalkulation in gleicher Weise, wie es das Mindestreservesystem in den vorangegangenen hundert Jahren getan hatte, allerdings mit dem zusätzlichen Merkmal einer ungehemmten Ausweitung der reinen Geldmenge. Anstelle regelmäßiger Bankenkrisen, die schlechte und übermäßige Schulden bereinigten, wurden Banken gestützt, und Schulden konnten sich über aufeinanderfolgende Kreditzyklen hinweg anhäufen. Nicht einmal die Zinserhöhungen der späten Siebzigerjahre, die die galoppierende Preisinflation stoppen sollten, führten zu einem Rückgang der Gesamtverschuldung.

Die Folge dieser geld- und kreditpolitischen Exzesse bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts war eine Zunahme der Finanzspekulation. Sie gipfelte im Dotcom-Boom, der von ähnlichem Blasenausmaß war wie die Börsenexzesse der Jahre 1927 bis 1929 und wohl von demselben Maß an öffentlicher Spekulation angetrieben wurde, das bei den Mississippi- und Südseeblasen vor dreihundert Jahren verzeichnet wurde. Die Aktienmärkte wurden vor den anschließenden Folgen nur durch das beispiellose Eingreifen der Fed in den Jahren 2001 bis 2003 gerettet, die den Leitzins (Fed Funds Rate) auf 1 % senkte und damit den Grundstein für die Immobilienblase der Jahre 2005 bis 2007 legte. Und wie wir alle wissen, führte der Zusammenbruch dieser zweiten Blase zu der Finanzkrise, die Bear Stearns und Lehman Brothers zu Fall brachte.

Laut dem McKinsey Global Institute stieg die weltweite Verschuldung von 142 Billionen US-Dollar im Jahr 2007 auf 199 Billionen US-Dollar Ende 2014. Dies war zwar ein langsameres Wachstum als in den Jahren 2000 bis 2007, doch lässt sich der Unterschied durch die Ausweitung der Zentralbank-Basisgeldmenge und das höhere durchschnittliche Niveau der prolongierten Zinssätze in der früheren Periode erklären. Darüber hinaus hat auch die Verschuldung im Schattenbankensektor als Quelle kurzfristiger Finanzierung zugenommen. Nach wie vor gilt: Finanzielle Instabilität ist die Folge übermäßiger Verschuldung, und das globale Finanzsystem ist heute von Natur aus riskanter als zur Zeit der Lehman-Krise.

Die Abhängigkeit von Schulden als Wirtschaftsmotor ist die Kehrseite der Ausweitung der gesamten Geldmenge. Sie kann nur so lange fortbestehen, wie die Menschen akzeptieren, dass Geld seinen objektiven Tauschwert behält.

Zinssätze
Seit den späten 1970er-Jahren haben die großen Zentralbanken unter Führung der Fed den Märkten die Kontrolle über die Zinssätze entrissen, in der Annahme, dass sich Wirtschaftstätigkeit und Preisinflation durch deren Variation nach dem Willen des Staates steuern ließen. Diese Politik unterscheidet sich stark von der Art, wie Zinssätze in freien Märkten zustande kommen. Die philosophische Voreingenommenheit hinter der staatlichen Zinssteuerung, wonach Kreditnehmer mehr Schutz verdienten als Kreditgeber, hat eine lange Geschichte und reicht weit vor Shakespeares Shylock zurück. Seit die Zentralbanken die Zinssätze kontrollieren, haben sie stets Schuldner gegenüber Sparern begünstigt, mit dem vorhersehbaren Ergebnis, dass die weltweite Verschuldung ohne die zugrunde liegende Produktion zu ihrer Stützung gewachsen ist. Und ohne aus der Produktion zurückgelegte Erträge kann Verschuldung nicht zurückgezahlt werden, sodass es zum Zahlungsausfall kommen muss.

Diesen Zahlungsausfall zu verhindern, ist zu einem wachsenden Problem und zur vorrangigen Aufgabe der Zentralbanken geworden. Haushalte, Unternehmen, Staaten und der Finanzsektor sind allesamt dem Risiko von Zahlungsausfällen ausgesetzt, sodass politische und wirtschaftliche Erwägungen keinen anderen Ausgang zulassen werden. Das einzige Mittel, das den Zentralbanken zur Verfügung steht, ist die Schaffung noch größerer Geldmengen und die Förderung einer immer schnelleren Ausweitung der Bankkredite. Dieses Mittel wurde durch das Krisenmanagement der Fed in der Lehman-Krise und die darauffolgenden Runden der quantitativen Lockerung eindrucksvoll als wirksam bestätigt. Nullzinsen haben dafür gesorgt, dass sich auflaufende unbezahlte Zinsen in Grenzen halten, zugleich aber noch mehr unproduktive Kreditaufnahme gefördert. Die Märkte signalisieren, dass wir uns einer neuen Finanzkrise nähern, und bald wird es Zeit sein, die geldpolitische Waffe erneut einzusetzen.

Jede Krise ist größer als die vorangegangene. Der Auslöser, der das globale Schuldenproblem diesmal untergräbt, ist ein starker Rückgang der weltweiten Produktion. Ohne das Feigenblatt einer wachsenden Produktionsleistung ist die Brüchigkeit des globalen Schuldenproblems zu offensichtlich geworden, um sie zu ignorieren, selbst für notorische Optimisten.

Der unausweichliche Schluss
Die Aktienmärkte zeigen uns, dass die Schuldenkrise uns erneut eingeholt hat. Der genaue Verlauf der Ereignisse lässt sich nicht vorhersagen, aber wir können sicher sein, dass die Regierungen in den kommenden Monaten bereit sein werden, Himmel und Erde in Bewegung zu setzen, um eine Vertiefung der Krise mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verhindern. In dieser Hinsicht lautet die Lehre aus der Lehman-Krise, dass es tatsächlich funktioniert, das System mit Geld und Garantien für noch mehr Geld zu fluten. Jeder Anschein von geldpolitischer Disziplin wird verschwinden, jeder Anschein höherer Zinsen wird verschwinden, und jede Beschränkung der Ausgabe noch weiterer Schulden wird verschwinden. Eine Krise der Fehlinvestitionen ist zu einer Krise des Finanzsystems geworden und wird bald zu einer Krise der Währungen werden. Wir können uns zunehmend sicher sein, dass Schulden nicht dadurch getilgt werden, dass Schuldner mit Gläubigern abrechnen, sondern durch die Entwertung des Geldes, und dass dieses Ergebnis zum unausgesprochenen Ziel der politischen Entscheidungsträger wird.

Dies ist ein wichtiger Schluss. Er besagt im Kern, dass die einzige den Zentralbanken offenstehende Lösung die gezielte Zerstörung ihrer eigenen Währungen ist, und zwar nicht tröpfchenweise, wie es seit dem Abkommen von Bretton Woods der Fall war, sondern durch eine bewusstere Beschleunigung. Wir können nicht beurteilen, ob dies ein weiteres Mal funktionieren und eine finale Krise hinauszögern wird. Wir können aber die vor uns liegenden Umstände klarer erkennen und uns leichter vorstellen, dass Zentralbanker in die Wiederholung der verfehlten Politik von Rudolf Havenstein hineingezogen werden, dem Präsidenten der deutschen Reichsbank in den Jahren 1921 bis 1923. Bei der Vorhersage dieser finalen Krise für jedes Land, das den Weg der staatlichen Verfälschung seines Geldes beschreitet, bezeichnete der Ökonom von Mises ihre Erscheinungsform als Crack-up-Boom, den Boom, der alle Booms beendet, wenn gewöhnliche Menschen schließlich die Wertlosigkeit des staatlichen Geldes erkennen und es so rasch wie möglich gegen alles eintauschen, dessen sie habhaft werden können. Die letzten Reste des objektiven Tauschwerts der Währung lösen sich auf.

Die Hyperinflation des Fiat-Geldes und die Aussicht auf einen endgültigen Zusammenbruch seiner Kaufkraft werden zu einem immer wahrscheinlicheren Ergebnis der heutigen finanziellen Entwicklungen. Das lässt sich aus der soliden Wirtschaftstheorie ableiten und wird durch historische Aufzeichnungen ähnlicher Krisen bestätigt. Wir können auch erwarten, dass dieses Ergebnis durch die fehlgeleitete Pseudowissenschaft der Makroökonomie unausweichlich wird, die sich auf die Leugnung des Sayschen Gesetzes stützt und die politischen Entscheidungsträger in den Regierungen erheblich in die Irre führt.

Nur wird die drohende Zerstörung der Währungen diesmal global sein, denn wohin der Dollar geht, und der Dollar ist noch immer die Reservewährung, dorthin gehen wir alle.

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