Die Abwicklung des Finanzsystems

Dieser Artikel befasst sich mit der Sicherheitenseite von Finanztransaktionen und mit einigen erheblichen Problemen, die sich bereits abzeichnen.

In einer Zeit, in der eine regelrechte Flut an Dollar-Krediten in ausländischer Hand über den Märkten schwebt, liegt es auf der Hand, dass fortwährend fallende Anleihekurse für Bärenmärkte bei allen Finanzvermögenswerten sorgen werden, was zur Liquidierung von Dollar-Positionen führt. Diese Abwicklung korrigiert eine Anhäufung von Dollar und auf Dollar lautenden Vermögenswerten in ausländischem Besitz, die sich seit dem Zweiten Weltkrieg sowohl innerhalb als auch außerhalb des US-Finanzsystems aufgebaut hat.

Darüber hinaus sind verfallende Sicherheitenwerte, die zunehmend als Deckung für Wertveränderungen bei Zinsswaps mit einem Nominalvolumen von über 400 Billionen Dollar erforderlich sind, ein neuer Auslöser der Krise: Sie erzwingen den Verkauf von Anleihen, drücken die Kurse und treiben die Renditen nach oben. Wir befinden uns in einer Abwärtsspirale. 

Welche Maßnahmen können die Behörden ergreifen, damit das Kontrahentenrisiko aus weit verbreiteten Ausfällen nicht unzureichend kapitalisierte regulierte Börsen mit in den Abgrund reißt?

Es scheint, dass sie bereits vor einiger Zeit gehandelt haben, indem sie den zentralen Wertpapierverwahrern (The Depository Trust and Clearing Corporation, Euroclear und Clearstream) das Recht eingeräumt haben, die in ihren Registern geführten Wertpapiere zu bündeln und als Sicherheiten zu verleihen. Ihre Anlagen, die Sie möglicherweise für Ihr Eigentum halten, können ohne Ihr Wissen vom scheiternden Finanzsystem aufgenommen werden.

Dies erscheint besonders relevant angesichts der Bestellung von JPMorgan Chase zum Verwahrer des großen Gold-ETF SPDR Trust (Kürzel GLD). In einem Musterverfahren vor New Yorker Gerichten zum Zusammenbruch von Lehman wurde JPMC rechtlicher Schutz zugesprochen, falls das Institut Vermögenswerte seiner Kunden einzieht.

Diese bedeutende Aushöhlung der Eigentumsrechte wird nur unzureichend verstanden. Doch wenn die finanziellen Verzerrungen abgewickelt werden und dies zu unbeabsichtigten Folgen wie Bankenpleiten und letztlich dem Zusammenbruch des auf dem Dollar basierenden Fiat-Währungssystems führt, bedeutet dies, dass Inhaber physischer Gold-ETFs eine leere Hülle besitzen werden, und das zu einem Zeitpunkt, an dem sie einen gewissen Schutz vor dem Wertverfall von Krediten hätten erwarten dürfen.

Einleitung

In den heutigen komplexen Märkten fällt es dem Laien schwer, deren Funktionsweise zu verstehen. Es ging stets um die Ausweitung und Begrenzung von Bankkredit, der niemals mit Geld verwechselt werden darf; Geld war seit Anbeginn der Geschichte physisches Metall, insbesondere Gold. Dieses ist jedoch das Tauschmittel letzter Instanz, das von Privatpersonen und in den letzten Jahrhunderten von Zentralbanken gehortet wird. Zudem wird das Verständnis des Laien durch staatliche Propaganda weiter untergraben, die die Märkte insbesondere seit der Aussetzung des Goldstandards in Amerika im Jahr 1933, der ein Jahrhundert lang Bestand hatte, dominiert. Spätere Ereignisse haben die monetäre Desinformation verstärkt und zu einem globalen Fiat-Geldsystem auf Basis des US-Dollars geführt.

Um uns allen die Illusion von Preisstabilität zu vermitteln, wurde das Abkommen von Bretton Woods darauf ausgelegt, den Dollar als Goldersatz für alle anderen Währungen zu etablieren. Dieser Aspekt der Illusion endete 1971. Seither griff die US-Regierung zunehmend zu Marktmanipulationen, um die Glaubwürdigkeit des Dollars zu wahren. Zunächst versuchte sie, Anfang der Siebzigerjahre Gold in den Markt zu verkaufen, was bereitwillig aufgekauft wurde und den weiteren Anstieg des Goldpreises nicht aufhalten konnte. Der nächste Kniff bestand darin, eine künstliche Nachfrage nach Dollar zu schaffen, um dessen Kaufkraft, gemessen an Rohstoffen und anderen Währungen, zu stützen. Dies führte zur Ausweitung der Derivatemärkte, die spekulative Nachfrage nach Rohstoffen umlenkten und deren Preise dadurch unter das Niveau drückten, auf dem sie sonst lägen. Die Ausweitung des Londoner Edelmetallmarktes, der Papiergold schuf, sowie die allgemeine Einführung des Dollars, nicht nur zur Abwicklung des grenzüberschreitenden Handels und der Rohstoffpreisbildung, sondern auch als Ersatz für Gold in den Reserven der Zentralbanken, waren allesamt Teil der Täuschung. 

In den zweiundfünfzig Jahren seit der Aussetzung von Bretton Woods haben sich enorme Ungleichgewichte angehäuft. In meinem Artikel der vergangenen Woche habe ich eine Tabelle der Dollar-Guthaben von Banken und Schattenbanken, im Inland und im Ausland, gezeigt, die ich unten wiederhole.

Eine Nahaufnahme eines Dokuments

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Der Offshore-Anteil ist erheblich größer als der in den TIC-Zahlen des US-Finanzministeriums erfasste, was für sich genommen bereits zeigt, dass das ausländische Interesse an inländischen Dollar-Anlagen und Bankguthaben das US-BIP um einen beträchtlichen Betrag übersteigt. Der Offshore-Anteil beruht auf der Analyse der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zu Dollar-Einlagen und -Verbindlichkeiten außerhalb des US-Finanzsystems, die wir mit dem Eurodollar-Markt gleichsetzen können. Dabei handelt es sich überwiegend um Devisentermingeschäfte und Swaps, bei denen eine Seite auf US-Dollar lautet.

Nachdem die durch Null- und Negativzinsen aufgeblähte Finanzblase nun zum Platzen gebracht wird, dürften diese Guthaben zwangsläufig schrumpfen. Warum das so ist, zeigt sich schon allein bei den inländischen langfristigen Wertpapieren, bestehend aus Anleihen und Aktien, zu denen die geschätzten 10,7 Billionen US-Dollar an langfristigen Eurodollar-Anleihen hinzukommen. Das sind knapp 37 Billionen US-Dollar an langfristigen Anlagen in ausländischem Besitz, die über den US-Finanzmärkten schweben, während die Anleiherenditen zu steigen beginnen, was bereits im Gange ist. Einschließlich der Offshore-Eurodollars ist es ein Tsunami an Dollarschulden, der über den Küsten Amerikas hereinzubrechen droht.

Die Rolle der Sicherheiten in der LDI-Krise

Dem Laien ist im Allgemeinen nicht bewusst, dass aufgeblähte Anlagen viele außerbörsliche Derivatepositionen stützen, indem sie als Sicherheiten dienen. Ein Problem entsteht, wenn der Wert der Sicherheiten sinkt und dadurch weitere Nachschussforderungen ausgelöst werden. Öffentliche Aufmerksamkeit erlangte dies im Vereinigten Königreich, als steigende Gilt-Renditen verbindlichkeitsorientierte Anlagestrategien bedrohten – ein Beispiel, anhand dessen wir die Rolle von Sicherheiten bei Derivatekontrakten sowie die Gefahren eines Zusammenbruchs des gesamten Sicherheitensystems besser verstehen können.

Liability Driven Investment (LDI) wurde von britischen Pensionsfonds eingesetzt, um ihre Erträge zu steigern. Leistungsorientierte Pensionspläne, die mit kostspieligen Endgehaltszusagen gegenüber ihren Begünstigten konfrontiert waren, konnten diese Zusagen nicht aus ihren Anlagen erfüllen, als die Zentralbanken die Zinsen auf null senkten und die Anleiherenditen durch quantitative Lockerung auf ein Minimum drückten. Die einzige Lösung für diese Pläne bestand darin, ihre Erträge durch Hebelwirkung zu steigern.

Üblicherweise geschah dies über eine LDI-Strategie. Sie ermöglichte es einem Pensionsfonds, sich gegen fallende Zinsen abzusichern, die durch Barwertberechnungen die künftigen Verbindlichkeiten eines Pensionsfonds erhöhen. Eine LDI-Strategie bot eine Hebelwirkung, sodass der Ertrag einer Gilt drei- oder viermal so hoch ausfiel und ein Pensionsfonds seine künftigen Verbindlichkeiten decken konnte.

Der Pensionsfonds, der in eine LDI-Strategie investiert hat, ist faktisch einen gehebelten Zinsswap mit dem LDI-Anbieter eingegangen. Ein steigender Zins verleiht dem Swap einen negativen Wert: Der feste Zahlungsstrom ist weniger wert als die am Markt gebotene Rendite. Dadurch muss der Pensionsfonds dem LDI-Anbieter Sicherheiten stellen. Und die Hebelwirkung vervielfacht die angeforderten Sicherheiten. Pensionsfonds sind jedoch in der Regel voll investiert und verfügen nicht über diese Liquidität, sodass sie einem drastischen Anstieg der Anleiherenditen ausgesetzt waren. 

Ausgelöst wurde die Krise, als die Märkte im September 2022 durch den von Liz Truss vorgeschlagenen Haushalt verunsichert wurden. Die Rendite der zehnjährigen Gilt stieg rasch von 3,88 % auf 4,5 %, die der Gilt mit 30 Jahren Laufzeit von 2,7 % auf 4,8 %. Im letzteren Fall fiel der Wert dieser Gilt innerhalb weniger Tage um 13 %. 

Dies zwang die Pensionsfonds, Vermögenswerte zu veräußern, darunter auch ihre Gilts, weshalb die Bank of England eingreifen musste, um den Gilt-Markt zu stützen. Erst als erkennbar wurde, dass die Behörden die Gilt-Kurse stabilisierten, ließ die Panik unter Pensionsfondsmanagern und LDI-Anbietern nach.

LDI wird global

Die Gilt-Renditen sind heute auf noch höhere Niveaus gestiegen: Die zehnjährige Gilt rentiert mit 4,63 %, die 30-jährige mit 5,07 %, bislang ohne dass die LDI-Panik zurückgekehrt wäre. Offensichtlich hat diese Episode die Pensionsfondsmanager für die Gefahren sensibilisiert, und sie dürften ihr LDI-Risiko entsprechend angepasst haben. Dasselbe lässt sich jedoch nicht über die breitere Verwendung von Sicherheiten an den internationalen Märkten sagen, für die die zehnjährige US-Staatsanleihe der „risikofreie“ Maßstab ist. In Europa ist es die zehnjährige Bundesanleihe, an der andere Anleihen des Euroraums gemessen werden. Die folgende Grafik zeigt, wie diese Renditen zuletzt gestiegen sind.

Screenshot eines Diagramms

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LDI-Kontrakte sind im Kern Zinsswaps, bei denen ein variabler Zins (in ihrem Fall schwankende Gilt-Renditen) gegen einen festen Zins getauscht wird, in der Regel durch Hebelwirkung verstärkt. Diese Merkmale ähneln denen des globalen Zinsswapmarktes, der enorm groß ist. Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich belief er sich Ende 2022 auf einen Nominalwert von 405,5 Billionen US-Dollar, davon 145,5 Billionen in US-Dollar und umgerechnet 109,3 Billionen in Euro. Mit der Verschiebung der globalen Inflations- und Zinsaussichten führt dies zu einer wachsenden Nachfrage nach Sicherheiten seitens derjenigen, die die Festzinsseite übernommen haben. Es entwickelt sich zu einer großen Krise, die wahrscheinlich weit mehr als ein Eingreifen der Zentralbank erfordert, wie es die Bank of England im Fall der LDIs vorgenommen hat.

Darüber hinaus sind die Werte der Sicherheiten, die diese Derivate und andere fremdfinanzierte Verpflichtungen absichern, stark gefallen, was zu enormen und weiter steigenden Nachschussforderungen führt. Dies geschieht zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Kreditvergabe der Banken verschärft, was ohnehin zu höheren Marktzinsen für Anleiherenditen führen muss, selbst ohne den Sicherheitenbedarf aus der Auflösung von Zinsswaps.

Dies entwickelt sich rasch zu einer Abwärtsspirale, ähnlich der, die die britische LDI-Krise offengelegt hat, nun aber unter Beteiligung des Dollars, des Euros und aller anderen wichtigen Währungen. Hinzu kommt, dass die US-Banken voraussichtlich auf Marktwertverluste von rund einer Billion Dollar auf ihre Anleihepositionen zusteuern, und mit weiter steigenden Finanzierungskosten wächst der Schaden in ihren Gewinn-und-Verlust-Rechnungen, über die sie ihre Anleihebestände finanzieren. 

Vielleicht hat dies die Fed dazu bewogen, in der Zinspolitik Zurückhaltung zu üben; der FOMC hat sie im vergangenen Monat pausiert. Falls ja, hat es nicht funktioniert, denn die Renditen US-amerikanischer Staatsanleihen stiegen nach der letzten FOMC-Erklärung deutlich. Hinzu kommt die Krise am US-Gewerbeimmobilienmarkt, der insbesondere die Regionalbanken stark ausgesetzt sind. Diese Lage ist bereits außer Kontrolle: Der wachsende Sicherheitenbedarf erzwingt den Verkauf von Anleihen und treibt Finanzierungskosten und Anleiherenditen unaufhaltsam nach oben.

Den Kreditgebern wird rasch klar, dass die Werte von Sicherheiten voraussichtlich weiter fallen werden, insbesondere bei längeren Laufzeiten, und dass Fremdfinanzierung in die Katastrophe führt. Daraus ergibt sich unter anderem die Frage, ob die Behörden in ihrer langfristigen Planung eine mögliche Sicherheitenkrise dieser Art vorausgesehen und Maßnahmen für den Fall ihres Eintretens ergriffen haben. Diese Frage, nicht jedoch das Motiv, wird in einem neuen Buch von David Rogers Webb behandelt: The Great Taking.

Die Inbesitznahme Ihrer Wertpapiere als Sicherheit

Webbs Analyse konzentriert sich zunächst auf die Dematerialisierung von Wertpapieren, also die Umstellung von Urkunden auf Buchungen bei der Depository Trust and Clearing Corporation. Sie ist der Vorläufer von Clearstream und Euroclear in Europa. Dabei handelt es sich um zentrale Wertpapierverwahrer, die eng mit zentralen Gegenparteien verbunden sind. Ohne dass die anlegende Öffentlichkeit sich der Folgen bewusst war, wurde das verbriefte Eigentum an Wertpapieren durch einen „Wertpapieranspruch“ („security entitlement“) ersetzt. 

Die Depository Trust and Clearing Corporation verfügt zudem über eine Clearingeinrichtung für Wertpapierfinanzierungsgeschäfte. Auf ihrer Website heißt es dazu: 

„Der SFT-Clearing-Service führt das zentrale Clearing für Wertpapierfinanzierungsgeschäfte mit Aktien ein, einschließlich Wertpapierleihe, Wertpapierborgen und Repo, um:

Dies bestätigt, dass Sicherheitenpools Institutionen zur Verfügung gestellt werden, ohne dass die Inhaber von Wertpapieransprüchen wissen, dass ein weiterer Anspruch auf diese besteht. Sie haben keinen eindeutigen Rechtstitel an ihren Anlagen mehr.

Seit der Einführung des US-amerikanischen Uniform Commercial Code, der diese Änderungen umsetzte, sind andere Rechtsordnungen wie die Europäische Union und das Vereinigte Königreich gefolgt. Neben der Aushöhlung der Eigentumsrechte der Wertpapierinhaber scheint das Ziel darin zu bestehen, Institutionen und Hedgefonds zu Sicherungszwecken Zugriff auf das Eigentum aller zu verschaffen. Und wenn Verluste entstehen, etwa bei einem Systemausfall, trägt sie nicht der zentrale Wertpapierverwahrer, sondern die Inhaber der neu definierten Wertpapieransprüche: mit anderen Worten Sie und ich.

Zweifellos hatten die Verfasser des Uniform Commercial Code den Schutz der dünn kapitalisierten Börsen an regulierten Märkten im Sinn. Wir erwarten, dass die Abwicklung unserer Geschäfte von regulierten Börsen garantiert wird. In einer Finanzkrise mit mehreren Ausfällen von Gegenparteien können regulierte Märkte diesen Schutz jedoch nicht gewähren. Die Lösung bestand darin, ihnen dieses Risiko abzunehmen und bei den zentralen Wertpapierverwahrern zu bündeln, die damit die Befugnis erhalten, die von ihnen kontrollierten Wertpapierbestände zu nutzen, um Lieferungen unter allen Umständen sicherzustellen. Dies ermöglicht nicht nur die Sicherheitenbeleihung, sondern verlagert auch das Systemrisiko von regulierten Börsen auf die Pools von Wertpapieransprüchen.

Die Aushöhlung der Rechte der Wertpapierinhaber scheint damit nicht zu enden, da auch die Safe-Harbour-Klausel im US-amerikanischen Insolvenzrecht Anwendung finden kann. Die Beziehung zwischen zentralen Wertpapierverwahrern wie der Depository Trust and Clearing Corporation und zentralen Gegenparteien wie einer systemrelevanten Bank macht dies möglich. 

In einem Musterverfahren in New York zwischen Gläubigern von Lehman Brothers und JPMorgan Chase, die als Clearingstelle von Lehman fungierte, forderten die Gläubiger von JPMorgan Chase 8,6 Mrd. US-Dollar zurück.[ii] Dies war der Betrag, den die Bank in den Tagen vor dem Zusammenbruch von Lehman wie eine Sicherheit einbehielt. Vor der Beschlagnahme handelte es sich um Verbindlichkeiten gegenüber Lehman in Form von Einlagen und Wertpapieren ohne Pfandrecht. Tatsächlich enthielt das 92-seitige Urteil zahlreiche Verweise auf den rechtlichen Status dieser Verbindlichkeiten.

Man könnte argumentieren, dass die Beschlagnahme dieser Vermögenswerte ohne die Safe-Harbour-Bestimmungen des US-Insolvenzrechts rechtswidrig gewesen wäre. Genau dies zeigt sich nach britischem Recht: Im Juni 2010 verhängte die Financial Services Authority gegen JPMorgan eine Geldbuße von 33,32 Mio. £, weil die Bank nicht sichergestellt hatte, dass Kundengelder, also treuhänderisch verwahrte Mittel, ordnungsgemäß von den Verbindlichkeiten der Bank getrennt wurden.

Aus diesen unterschiedlichen Entscheidungen lassen sich zwei Schlüsse ziehen. Erstens: Nach dem Präzedenzfall des US-Gerichts in New York kann JPMorgan die Unterscheidung zwischen Vermögenswerten, die als Sicherheit gehalten werden, und Vermögenswerten, die die Bank einem Einleger schuldet, ignorieren. Zweitens: Diese US-Bank, die zufällig die größte ist und der wichtigste Zugangskanal der Fed zum Geschäftsbankensektor, hat nicht zwischen dieser Beziehung nach US-Recht und ihren rechtlichen und regulatorischen Pflichten in anderen Rechtsordnungen, etwa im Vereinigten Königreich, unterschieden.

Die Beziehung von JPMorgan zu Gold

Zunächst ist festzuhalten, dass Aufsichtsbehörden großen Banken tendenziell einen Vertrauensvorschuss gewähren und ihre Compliance-Aktivitäten erst dann genau prüfen, wenn sich dies nicht mehr vermeiden lässt. Folglich haben Großbanken mitunter so gehandelt, als gäbe es keine Vorschriften. Das obige Beispiel, in dem eindeutig feststand, dass JPMorgan Chase in London gegen die Vorschriften zu treuhänderisch verwahrten Kundengeldern verstoßen hatte, mag eine Ausnahme gewesen sein oder auch nicht. Wir dürfen davon ausgehen, dass JPMorgan Chase einige der klügsten Juristen und Compliance-Beauftragten beschäftigt, die es besser hätten wissen müssen.

Diese mangelnde Achtung vor dem Gesetz zeigte sich in einem bedeutenden Fall am Goldmarkt, als der weltweite Leiter des Edelmetallhandels von JPMorgan Chase, der zugleich Vorstandsmitglied der London Bullion Market Association war, wegen versuchter Preismanipulation, Rohstoffbetrugs, Überweisungsbetrugs und Spoofings bei Preisen für Gold-, Silber-, Platin- und Palladium-Futures schuldig gesprochen wurde. Dabei handelte es sich nicht um einen Einzelfall: Es lief seit acht Jahren und umfasste Tausende unrechtmäßiger Handelsabfolgen. Auch ein weiterer Kollege, der den Goldhandel in New York leitete, wurde schuldig gesprochen. Das war im Juli 2019. Schließlich bekannte sich 2020 die Bank selbst des unrechtmäßigen Handels an den Edelmetall-Terminmärkten schuldig und wurde mit einer hohen Geldstrafe belegt.

Unerklärlicherweise wurde JPMorgan Chase Bank trotz dieser Vorgeschichte kürzlich neben HSBC zum gemeinsamen Verwahrer von SPDR Gold Shares (GLD) ernannt. Dieser ETF ist mit Abstand der größte seiner Art, und sein Sponsor ist eine Tochtergesellschaft des World Gold Council. Warum der WGC die Ernennung einer Bank billigte, deren leitende Edelmetallhändler wegen Manipulation von Goldpreisen schuldig gesprochen und inhaftiert wurden, ist ein Rätsel. Es ist nicht so, dass ein einzelner Verwahrer ein größeres Risiko darstellt als zwei. Zudem lagert HSBC sämtliche GLD-Edelmetallbestände in ihren Londoner Tresoren, sodass diese in jeder Hinsicht dem englischen Sachenrecht und der englischen Wertpapierregulierung unterliegen.

Berichten zufolge erwägt JPMorgan Chase, das Edelmetall von GLD in seine Tresore in New York zu überführen. Man nimmt an, dass der Tresor der Bank unterirdisch mit dem Tresor der Fed verbunden ist, wobei die Fed auf der Nordseite der Liberty Street liegt und die Chase Bank auf der gegenüberliegenden Straßenseite.[iii] In diesem Zusammenhang kehren wir zu David Webbs Analyse zentraler Gegenparteien zurück, zum Ersatz des Eigentums an Wertpapieren durch einen „Wertpapieranspruch“ („security entitlement“) sowie zur freien Verwendung dieses Anspruchs als Sicherheit ohne Wissen oder Zustimmung des Berechtigten. Und gemäß dem Urteil des New Yorker Gerichts, das diese Möglichkeit faktisch auf JPMorgan Chase als zentrale Clearing-Gegenpartei ausdehnt, setzt sich möglicherweise ein Bild zusammen, das es JPMorgan Chase erlauben würde, das Edelmetall von GLD als Sicherheit zu verwenden, es zu verleihen oder zu tauschen oder es alternativ gegen eine buchmäßige Gutschrift zu veräußern.

Unser Verdacht wird sich verstärken, wenn wir die Folgen der unmittelbaren Nähe des Tresors von JPMorgan Chase zum Tresor der Fed auf der anderen Straßenseite sowie die Indizien für einen Tunnel zwischen beiden bedenken. Im Tresor der Fed lagert Gold der New Yorker Fed, das für ausländische Zentralbanken reserviert ist. Und wenn wir uns daran erinnern, welche Mühe Deutschland hatte, von der New Yorker Fed die Rückgabe von lediglich 300 Tonnen zu erreichen, wird unser Verdacht zweifellos noch stärker werden.

Zweifellos haben der Treuhänder von GLD, The Bank of New York Mellon, und der World Gold Council einige ernste Fragen zu beantworten, warum JPMorgan Chase zum Verwahrer ernannt wurde. Hier nur einige Vorschläge:

Es ist nahezu sicher, dass der Treuhänder und das Management des World Gold Council nicht aufgefordert werden, diese Fragen zu beantworten. Doch die rechtliche Stellung des zugrunde liegenden Vermögens der GLD-Aktionäre wird durch diese Entwicklungen beeinträchtigt. 

Darüber hinaus können zugelassene Teilnehmer ihre Anteile von einer zentralen Wertpapierverwahrstelle leihen und gegen physisches Gold einlösen. Da sie ihre Position über Futures oder die Terminmärkte in London absichern, stehen sie nicht unter Druck, das Gold zurückzugeben und ihr Wertpapierdarlehen zu schließen. Angesichts dieser Möglichkeit ist GLD keineswegs eine sichere Anlage in Gold-Edelmetall, sondern wird möglicherweise bereits als Liquiditätsquelle für Edelmetallhändler genutzt.

Fazit

Es kann kaum ein Zweifel bestehen, dass der Zugriff auf das Vermögen von GLD eine Teillösung für dringende Probleme wäre, die sich aus mehr als fünfzig Jahren offizieller Unterdrückung des Goldpreises ergeben. Wie ich bereits früher geschrieben habe, kam der Analyst Frank Veneroso nach umfangreicher und sorgfältiger Recherche schon 2002 zu dem Schluss, dass zwischen 10.000 und 14.000 Tonnen Zentralbankgold entweder verleast oder getauscht wurden. Er folgerte außerdem, dass ein großer Teil dieses Goldes „asiatische Frauen schmückte“ und daher nicht zurückgegeben würde.

Wir wissen, dass die Bank of England diese Verträge für ihre Zentralbankkunden arrangiert. Wir können nur annehmen, dass die New Yorker Fed ähnliche ertragbringende Geschäfte im Namen des in ihrer Verwahrung befindlichen gekennzeichneten Goldes arrangiert. Noch schlimmer ist der Gedanke, dass die New Yorker Fed gekennzeichnetes Gold an den Märkten verkauft haben könnte. Das würde erklären, warum sie Vertretern der Bundesbank die Inspektion ihres Goldes verweigerte und sich anfangs äußerst widerwillig zeigte, von den 1.536 Tonnen deutschen Goldes, die angeblich im New Yorker Tresor lagern, nur 300 Tonnen zurückzugeben. Und vermutlich war es die Erfahrung der Bundesbank, die die niederländische Zentralbank dazu veranlasste, 122 Tonnen ihres Goldes aus New York zurückzuholen, wobei 190 Tonnen bei der New Yorker Fed verblieben.

Mit dem Scheitern des Fiat-Währungssystems kommen die Folgen des Goldleasings und der Preisunterdrückung nun auf uns zurück. Es zeichnet sich ab, dass zumindest die stagflationären Verhältnisse der 1970er Jahre zurückkehren, als Gold vom offiziellen Kurs von 35 US-Dollar je Unze auf über 800 US-Dollar stieg. Und der Leitzins der Fed stieg von etwa 6 % auf fast 20 %. Nach zweiundfünfzig Jahren Währungsentwertung liegt der Ausgangspunkt für einen neuen Anstieg des Goldpreises irgendwo zwischen 1.500 und 2.000 US-Dollar. Und es lässt sich argumentieren, dass der Dollar heute in einer weitaus schlechteren Lage ist als zu dem Zeitpunkt, als Präsident Nixon das Abkommen von Bretton Woods aussetzte.

Die Rechtslage in den USA gilt ebenso in der EU und im Vereinigten Königreich. Danach könnten Inhaber von ETF-Anteilen feststellen, dass das darin enthaltene Vermögen durch JPMorgan Chase und andere zentrale Clearing-Gegenparteien geplündert wird, deren Status es ihnen offenbar erlaubt, Edelmetalle und anderes Privateigentum nach eigenem Ermessen einzusetzen. 

Die Edelmetallbanken versuchen derzeit, ihre Papier-Short-Positionen zu schließen und Long-Positionen aufzubauen, und profitieren dabei von der Unkenntnis der Spekulanten, die glauben, dass höhere Zinsen schlecht für Gold seien. Das mag in Märkten ohne systemische Risiken und Inflationsrisiken zutreffen, doch in der sich entwickelnden Lage würden nur die Herren unten dies ernst nehmen.

Statuen von drei Affen, die auf einer Bank sitzen

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Derzeit steigen die Anleiherenditen stark, was bedeutet, dass die Werte von Sicherheiten sinken. Bei länger laufenden Anleihen läuft dies bislang auf eine Kreditkontraktion von bis zu 30 % hinaus. Und wo Sicherheiten gehebelte Zinsswap-Positionen unterlegen, können Nachschussforderungen katastrophal sein. 

Schon recht bald ist zu erwarten, dass der Goldpreis die systemischen Risiken und Währungsrisiken widerspiegelt, die jedes Meme, das den drei weisen Affen einfallen mag, übertrumpfen werden. Der Wertverfall des Dollars, gemessen an Gütern, wird durch die Finanzierungsaussichten der US-Regierung angetrieben. Da die Zinskosten im soeben begonnenen Haushaltsjahr voraussichtlich auf 1,5 Billionen US-Dollar steigen und eine wirtschaftliche Stagnation, wenn nicht gar eine ausgewachsene Rezession einsetzt, könnte das Haushaltsdefizit leicht 3,5 Billionen US-Dollar übersteigen, vielleicht acht oder neun Prozent der Ausgaben. Und das zu einer Zeit nachlassender ausländischer Nachfrage nach US-Staatsanleihen.

Das führt uns zurück zu dem gewaltigen Berg an Dollar-Krediten in ausländischer Hand, der in der Tabelle am Anfang des Artikels beziffert wurde. Langfristige Anlagen in Höhe von 26,113 Billionen US-Dollar sowie weitere 10,7 Billionen US-Dollar in Eurobonds werden bei weiter steigenden Zinsen allesamt an Wert verlieren. Es besteht kein Zweifel, dass Ausländer diese Positionen abbauen werden. Ihr einziges Problem ist, was sie mit den Bar-Dollars anfangen sollen, die sich bereits auf über 100 Billionen US-Dollar belaufen. Andere Währungen sind überwiegend weniger attraktiv als der Dollar. Es bleibt nur eines zu tun, nämlich den Singapurern zu folgen, die die Weitsicht besaßen, hartes, echtes Geld ohne Kontrahentenrisiko anzusammeln, nämlich physisches Gold.

Und schließlich gibt es geopolitische Überlegungen. Die sich verschlechternde Sicherheitenlage wird in Asien und im Globalen Süden gewiss mit Sorge beobachtet. Der plötzliche Anstieg der Renditen von US-Staatsanleihen signalisiert, dass sich bereits eine globale Version des britischen LDI-Debakels (Liability Driven Investment) entwickelt. In diesem Fall könnte der Kollaps der Finanzmarktwerte von hier aus rasch eskalieren.

Vor diesem Hintergrund treiben Russland und Saudi-Arabien die Energiepreise in die Höhe, was zu steigender Verbraucherpreisinflation und zu Erwartungen höherer Zinsen führt. Auch die Geschäftsbanken werden die Kreditbeschränkungen mit ziemlicher Sicherheit verschärfen. Von außerhalb Amerikas betrachtet, läuft alles auf unerträglichen Druck auf die Kreditsysteme der USA und der Eurozone hinaus. Und sollten Russland, möglicherweise gefolgt von China, beschließen, ihre Goldreserven einzusetzen, um den Wert ihrer Währungen zu sichern, wäre dies mit Sicherheit der Gnadenstoß für das Papiergeldsystem.


[i] Siehe https://dtcclearning.com/products-and-services/equities-clearing/sft-clearing.html

[ii] Siehe https://www.nysb.uscourts.gov/sites/default/files/opinions/198038_134_opinion.pdf

[iii] Siehe den Artikel von Ronan Manly unter https://www.bullionstar.com/blogs/ronan-manly/keys-gold-vaults-new-york-fed-part-2-auxiliary-vault/

[iv] Siehe https://www.justice.gov/opa/pr/former-jp-morgan-precious-metals-traders-sentenced-prison

[v] Ebenda

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