
Gold und Silber gaben vor dem Verfall der Comex-Juni-Kontrakte, deren erster Mitteilungstag am kommenden Mittwoch ist, deutlich nach. Gold verlor gegenüber dem Schlusskurs vom vergangenen Freitag 23 US-Dollar und notierte heute Morgen im europäischen Handel bei 1.954 US-Dollar; Silber lag im selben Zeitraum um 68 Cent niedriger bei 23,12 US-Dollar.
Kursrückgänge bei Futures zum Monatsende sind nahezu so vorhersehbar wie der Sonnenuntergang, denn die Short-Positionen (überwiegend etablierte Marktmacher und Händler von Edelmetall-Handelsabteilungen) reduzieren gemeinsam ihre Positionen. Seit dem 15. Mai, als Spekulanten, überwiegend Hedgefonds, für Gold maximal optimistisch waren, ist das Open Interest bei Gold um 66.995 Kontrakte gesunken. Das entspricht einem Positionsgewinn der Short-Seite von 435 Mio. US-Dollar.
In diesem Monat gab es zudem erhebliche Kontraktlieferungen: 15,81 Tonnen bei Gold und 240 Tonnen bei Silber.
Zugunsten der Short-Seite wirkte eine Erholung des handelsgewichteten Dollar-Index (TWI), die den Handel „Dollar kaufen/Gold verkaufen“ begünstigt hat. Dies zeigt unsere nächste Grafik.
Nachdem der Index zeitweise unter die Marke von 100 zu fallen drohte, hat sich eine ordentliche technische Erholung entwickelt, die noch andauert. Das erklärt, warum Händler von Gold- und Silber-Futures hinsichtlich der Kursaussichten zunehmend vorsichtig werden. Hinzu kommt, dass die Anleiherenditen erneut steigen, was darauf hindeutet, dass der Zinsnachteil beim Halten von Edelmetallen größer wird. Unsere nächste Grafik zeigt die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen und britischer Gilts.

Steigende Anleiherenditen hatten die Krise der regionalen US-Banken ausgelöst, und dieser Druck kehrt zurück. Weltweit ist das Bild dasselbe, was kurzfristig internationale Portfolioanleger dazu ermutigen dürfte, Dollar zu kaufen und andere Währungen zu verkaufen.
Für Halter von Pfund Sterling erweist sich dies eindeutig als sehr gefährlich: Die Rendite zehnjähriger Gilts kehrt auf die Krisenniveaus vom vergangenen Oktober zurück, die zum Zusammenbruch der Regierung Truss führten. Unsere nächste Grafik zeigt das Pfund Sterling.

Bislang wirkt das recht harmlos. Doch Händler beginnen erst jetzt, eine sich entwickelnde Zinskrise wahrzunehmen, und ihre Sorgen dürften zunehmen. Zudem erinnern sich diejenigen unter uns mit langem Gedächtnis daran, wie sich in den 1970er-Jahren mehrere Sterling-Krisen entwickelten, und werden ihr Gedächtnis auffrischen.
Zunächst ist festzuhalten, dass der letzte Anstieg der Rendite zehnjähriger Gilts über 4 % mit einem Rückgang des Pfunds gegenüber dem US-Dollar von 1,2200 auf 1,0700 einherging, also um 12,3 %. Würde sich dies heute wiederholen, würde unter sonst gleichen Bedingungen der Goldpreis in Pfund von 1.580 £ je Unze auf 1.801 £ steigen. In Pfund Sterling rechnende Goldhalter, die einen erheblichen Teil der Kunden von Goldmoney ausmachen, würden erleben, dass ihr Gold das tut, wofür es gedacht ist: sie vor der Volatilität von Papierwährungen und dem Verlust von Kaufkraft zu schützen.
Doch die Bedingungen sind nie gleich, und während in Dollar rechnende Kurzfristhändler angesichts weiter steigender US-Zinsen und Anleiherenditen für die Gold- und Silberpreise pessimistisch sein mögen, kehren die Bedrohungen für das US-amerikanische und das globale Bankensystem auf gefährliche Niveaus zurück. Selbst für sie werden sich physisches Gold und Silber letztlich als die sichersten aller sicheren Häfen erweisen.