Immer wieder gibt es eine Flut von Kommentaren zur nationalen Produktivität. Für die Briten gehört die Produktivität zur Brexit-Angst: Die OECD, das Finanzministerium, die Bank of England und die Brexit-Gegner sagen alle, die schwache Produktivität des durchschnittlichen Briten zeige nur, wie sehr er den sicheren Halt der EU-Mitgliedschaft brauche. Wie Hilaire Belloc es ausdrückte: Wir müssen uns an die Amme klammern, aus Furcht vor etwas Schlimmerem.
Erst diese Woche veröffentlichte die OECD ein Papier, in dem sie ihre widerlegten Behauptungen über die wirtschaftlichen Folgen des Brexit wiederholt und Großbritannien sogar empfiehlt, ein zweites Referendum abzuhalten, um die Brexit-Entscheidung rückgängig zu machen. Zur Untermauerung ihrer Analyse behauptete sie, die Arbeitsproduktivität Großbritanniens stagniere, während sie in Frankreich, Deutschland, den Vereinigten Staaten und im OECD-Durchschnitt durchweg steige.i
Regelmäßige Leser meiner Artikel wissen, dass ich nichts von staatsgläubigen Statistiken, Durchschnittswerten und der damit einhergehenden neokeynesianischen Analyse halte. Die Produktivitätsanalyse der Ökonometriker ist ein Paradebeispiel dafür, warum Statistiken, die auf fragwürdigen Informationen beruhen, völlig außer Acht gelassen werden sollten, wie ich zeigen werde. Mit Statistiken lässt sich alles beweisen, außer der Wahrheit. Die OECD, die Quelle der von Politikern zitierten Produktivitätsstatistiken, verwendet Statistiken nicht zur echten Wahrheitssuche, sondern als Stimmungsmacher für den Etatismus. Da diese Institution ihren Sitz in Paris hat, steht sie den Grundkonzepten des europäischen Etatismus besonders nahe. Es ist ein Wunder, dass sie private Unternehmen überhaupt duldet.
Dies ist die Organisation, die amtliche statistische Analysen der Wirtschaft liefert und dabei vollständig von eigennützigen Regierungen finanziert wird. Auf den ersten Blick sollte die Produktivität jedoch unstrittig und schwer zu kritisieren sein. Das BIP geteilt durch die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden ist einfach. Wie kann das irreführend sein? Lesen Sie weiter.
Der Ansatz der OECD zur Produktivität
Das kurze Papier der OECD, Defining and measuring productivity, zitiert Paul Krugman:
Produktivität ist nicht alles, aber auf lange Sicht ist sie fast alles. Die Fähigkeit eines Landes, seinen Lebensstandard im Laufe der Zeit zu verbessern, hängt fast ausschließlich von seiner Fähigkeit ab, die Produktion je Arbeitnehmer zu steigern.ii
Krugman legt mit diesem Zitat nahe, dass Produktivität eine Funktion der Regierung und damit implizit nicht des Arbeitgebers ist. Das widerspricht eindeutig den Tatsachen: Ein Arbeitnehmer produziert nur dann, wenn ein Arbeitgeber ihn mit Gewinnabsicht beschäftigt. Diese Entscheidung liegt beim Arbeitgeber, nicht bei der Regierung. Dass die OECD Krugman zitiert, bestätigt, dass ihre Wirtschaftslehre mit seinem Denken übereinstimmt.
Von hier an beginnen die statistischen Fehler, angefangen bei der Aussagekraft des BIP. Das BIP soll den Endverbrauch erfassen und unterbewertet die Produktion von Gütern höherer Ordnung, etwa von Maschinen, da die Zwischenschritte der Produktion nicht erfasst werden. Dieser wichtige Punkt wurde in den USA kürzlich durch die Einführung einer neuen Kennzahl anerkannt, der Bruttoproduktion (Gross Output, GO).
Die GO wird inzwischen vierteljährlich vom Bureau of Economic Analysis ausgewiesen und ist fast doppelt so hoch wie das BIP. Daher beträgt das BIP je geleisteter Arbeitsstunde in den USA nur etwa die Hälfte eines realistischen Maßes der Gesamtproduktion. Die GO bestätigt, dass die Verwendung des BIP in einer Produktivitätsformel in ungeheuerlicher Weise irreführend ist. Die OECD schätzt die GO jedoch nicht, und es ist zu beachten, dass die Länder unterschiedlich stark in der Zwischenproduktion engagiert sind, weshalb ein direkter Vergleich ohnehin nicht möglich ist.
Wir können das Konzept der Arbeitsproduktivität auch in unserem Alltag als Unsinn entlarven. Wenn Sie beispielsweise im Einzelhandel tätig sind, halten Sie Ihre Verkäufer vielleicht für produktiv, weil sie Umsätze erzeugen. Der größte Teil der Kundenfrequenz in Ihrem Geschäft hat jedoch vermutlich nichts mit dem Geschick des Verkäufers zu tun. Der Dekorateur des Schaufensters hat möglicherweise dazu beigetragen oder auch nicht, und sind die Reinigungskräfte und die Buchhalter produktiv, ebenso wie die Lagermitarbeiter und die Fahrer, die das Geschäft beliefern? Einzeln betrachtet sind sie ein Kostenfaktor, der sich nur schwer oder gar nicht mit den Endverkäufen in Verbindung bringen lässt, aus denen sich das BIP zusammensetzt. Deshalb besteht der Betrieb eines Unternehmens aus Teams von Menschen mit einander ergänzenden Beiträgen, und es ist unsinnig, die Leistung einzelner Personen in BIP-Größen zu erfassen.
In einer freien Marktwirtschaft gleicht die Arbitrage tendenziell die Renditen auf das eingesetzte Kapital über das gesamte Spektrum der Unternehmen hinweg an, wobei die Arbeit nur ein Teil davon ist. Zusätzlich zur Arbeit gibt es Kapitalinvestitionen in den Betrieb sowie in Ausrüstung und Betriebskapital. Betrachtet man alle diese Elemente zusammen, so zieht ein Geschäftsbereich, der sich durch besondere Rentabilität auszeichnet, Wettbewerb an. Wirft ein anderer Geschäftsbereich eine unzureichende Rendite ab, wird er geschlossen und sein Kapital anderweitig eingesetzt. Schließlich ist jede Form von Kapital knapp und daher ein wertvolles Gut, das richtig eingesetzt werden muss.
Wird Kapital nicht zu besserem Nutzen umverteilt, liegt dies fast immer an Eingriffen des Staates. Der Staat will nicht, dass Unternehmen Arbeitnehmer entlassen, die zu einer gescheiterten Produktionslinie gehören. Stattdessen behindert der Staat die Umverteilung von Kapital, indem er den nicht wettbewerbsfähigen Unternehmer subventioniert. Zugleich bestraft die Regierung profitable Unternehmen, indem sie deren Gewinne abschöpft.
Darüber hinaus setzen verschiedene Branchen ihr Kapital auf unterschiedliche Weise ein, sodass der Beitrag menschlicher Arbeit innerhalb der Gesamtsumme erheblich variiert. Ein Mechaniker an einer automatisierten Produktionslinie, der teure Roboter überwacht, lässt sich nicht mit einem Parkwächter in einen Durchschnitt fassen.
Der eigene BIP-Beitrag der Regierung muss aus jeder Produktivitätsberechnung herausgenommen werden, da er eine Belastung der tatsächlichen Produktion darstellt.
Das Problem bei Statistiken wie der Produktivität besteht darin, dass jeder glaubt, sie hätten eine Bedeutung. Und die politische Klasse, einschließlich der Finanzminister, steht natürlich für nichts ein und fällt auf alles herein. Ungeachtet dessen wollen wir die Tatsache beiseitelassen, dass dieses ökonometrische Schmuckstück lediglich Talmi ist, und die Zahlen in etwas Aussagekräftigeres umrechnen. In etwas, das ein Unternehmer als Vergleichsgrundlage bei der Suche nach dem besten Standort für sein Unternehmen nützlich findet. In etwas, das ihm als Orientierung dafür dient, ob er von Großbritannien nach Kontinentaleuropa umziehen sollte.
Zu diesem Zweck wählen wir aus der Datenbank der OECD vier europäische Länder aus, darunter das Vereinigte Königreich. In Tabelle 1 sehen wir Folgendes:
Tabelle 1. BIP pro geleisteter Arbeitsstunde – US$
Dies sind die OECD-Zahlen, auf die sich aufeinanderfolgende britische Finanzminister bei ihrem Gejammer darüber stützen, wie unproduktiv ihre Steuerzahler seien, und dass sich die Steuereinnahmen verbessern würden, wenn man sie nur zu produktiverem Arbeiten anhalten könnte. Denn das ist das eigentliche Interesse des Schatzmeisters des Staates an der Sache.
Ein sinnvollerer Ansatz besteht darin, die Produktivität aus der Sicht eines Unternehmers zu betrachten. Aus seinen Verkaufserlösen muss er sowohl die Lohnsteuern und Sozialabgaben als auch die Löhne seiner Mitarbeiter bezahlen. Wenn wir die OECD-Zahlen rückwärts herleiten, müssen wir auch den Staat herausrechnen, weil er eine Belastung der Produktion darstellt. Anschließend müssen wir die Arbeitslosen abziehen, um die Zahl der in der Privatwirtschaft Beschäftigten zu erhalten. Tabelle 2 beziffert die Erwerbstätigen in der Privatwirtschaft.
Tabelle 2. Arbeitsmarktstatistiken
Es ist erwähnenswert, dass es unterschiedliche Arten gibt, Staatsbedienstete zu zählen, und dass beispielsweise Frankreich verstaatlichte Industrien hat, deren Beschäftigte nicht zwingend in der Gesamtzahl enthalten sind. Die Statistiken der OECD gehen davon aus, dass Menschen im erwerbsfähigen Alter bereits ab fünfzehn Jahren zählen, was in einem Schwellenland zutreffen mag, doch Europäer bleiben im Durchschnitt vielleicht bis zum Alter von achtzehn Jahren in der Ausbildung. Uns bleibt nichts anderes übrig, als diese wesentlichen Fehler zu ignorieren.
Als Nächstes müssen wir das BIP des privaten Sektors je Beschäftigtem im privaten Sektor ermitteln. Dabei werden die Anpassungen der Erwerbstätigenzahl aus Tabelle 2 dem BIP des privaten Sektors gegenübergestellt. Dies zeigt Tabelle 3.
Tabelle 3. BIP des privaten Sektors 
Unser Herr (oder Frau) Durchschnitt wird dafür verantwortlich gemacht, einen Anteil am BIP zu erwirtschaften, der in Frankreich am niedrigsten und in Italien am höchsten ist. Wer hätte das gedacht! In Tabelle 1 teilte uns die OECD mit, Frankreich liege bei der Produktivität nur hinter Deutschland auf Rang zwei, und Italien sei eben, nun ja, italienisch.
Um jedoch unseren „Durchschnittsmenschen“ zu beschäftigen, müssen ein Gehalt sowie Sozialversicherungsbeiträge und Lohnsteuern gezahlt werden, bevor ein Unternehmen aus seiner Arbeit hoffentlich Gewinn erzielt. Dies ist unsere letzte Anpassung bei dem Bemühen, aus Sicht des Unternehmers aussagekräftigere Zahlen zu finden. Sie ist in unserer letzten Tabelle, Tabelle 4, dargestellt.
Tabelle 4. Rendite der Beschäftigung 
Das Ergebnis dieser Untersuchung lautet: Ungeachtet des Brexit erzielt der durchschnittliche Unternehmer, der den durchschnittlichen Arbeitnehmer beschäftigt, im Vereinigten Königreich die beste Rendite auf sein Investment in Humankapital, gefolgt von Italien. Wer eine Vorliebe für Frankreich hat, sollte sich besser vorteilhafte Konditionen der Regierung für die gesamte Laufzeit seiner Investition sichern. Und Großbritannien schlägt sogar Deutschland deutlich. Auf Grundlage der eigenen Zahlen der OECD, die so umgerechnet wurden, dass sie die wirtschaftliche Realität abbilden, widersprechen die Ergebnisse den Schlussfolgerungen der OECD selbst.
Diese Zahlen sind selbstverständlich alles andere als perfekt. Wie oben erwähnt, würde der Ertrag je Beschäftigtem deutlich besser aussehen, wenn die EU Zahlen zum Bruttoproduktionswert (GO) vorlegte, die neben den Endwerten von Waren auch Zwischenprozesse einbeziehen. Deutschland mit seiner starken industriellen Basis dürfte am stärksten unterbewertet sein, Italien und Frankreich weniger. Großbritannien liegt möglicherweise irgendwo in der Mitte.
Humankapital, das für unterschiedliche Aufgaben eingesetzt wird, kann von niemandem gemessen werden, außer von demjenigen, der die Gehälter zahlt.
Am schlimmsten ist, dass der Ansatz der OECD Politiker und staatsabhängige Ökonomen dazu verleitet, die Auswirkungen der Lohnnebenkosten und Beschäftigungssteuern zu ignorieren. Gerade hier schneidet das Vereinigte Königreich relativ gut ab, während Frankreich ein Desaster ist.
Statt den Privatsektor als unproduktiv zu kritisieren, ist es für Regierungen gewiss sinnvoller, die eigenen Belastungen der Produktion zu betrachten und entsprechend zu handeln.
iSiehe Abbildung 4A auf Seite 19: http://www.oecd.org/eco/surveys/United-Kingdom-2017-OECD-economic-survey-overview.pdf
iiSiehe https://www.oecd.org/std/productivity-stats/40526851.pdf
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