Inzwischen werden die Tresore in China bei Gold und Silber knapp. Gewinnmitnahmen bei europäischen ETFs sorgen jedoch für ein geringes Angebot und verschaffen dem Londoner Markt vorübergehend Entlastung.

Die Widerstandsfähigkeit der Edelmetallpreise zeigte sich in dieser Woche, als Gold und Silber beide in Richtung neuer Höchststände stiegen. Im europäischen Handel am heutigen Morgen lag Gold bei 4.170 US-Dollar, das sind 169 US-Dollar mehr als zum Schlusskurs vom vergangenen Freitag. Silber notierte bei 52,75 US-Dollar und lag damit im gleichen Zeitraum um 4,45 US-Dollar höher; am Mittwoch hatte es sein Allzeithoch von Mitte Oktober bei 54,35 US-Dollar berührt.
Beide Märkte kämpfen mit globalen Liquiditätsproblemen.
Es gibt nun Anzeichen dafür, dass Spekulanten beginnen, Gold-Futures zu kaufen: Das Open Interest an der Comex ist in den vergangenen sieben Handelstagen um rund 30.000 Kontrakte gestiegen. Setzt sich dies fort, wird die physische Liquidität zusätzlich belastet. Und wie die Entwicklung des Open Interest zeigt, besteht für Käufe von Spekulanten noch deutlich mehr Spielraum, bevor der Comex-Kontrakt eindeutig überkauft ist. Die durchgezogene Linie in der folgenden Grafik ist der langfristige Durchschnitt, den wir als neutral betrachten können und der dem aktuellen Stand des Open Interest entspricht:

Die entscheidende Frage ist, ob bei Gold noch eine Korrektur bzw. Konsolidierung bevorsteht oder ob die Gelegenheit, den Rücksetzer zum Kauf zu nutzen, bereits verpasst wurde. Als Nächstes folgt die technische Charts-Analyse:

Der Preis fiel nicht ganz bis auf den 55-Tage-Durchschnitt zurück, und herkömmliche Chartkennzahlen wie die Relative-Stärke-Indikatoren zeigen, dass Gold massiv überkauft ist. Deshalb glauben so viele Analysten, die sich hauptsächlich an Charts orientieren, dass Gold vorerst seinen Höhepunkt erreicht hat und zumindest einige Monate auf niedrigerem Niveau konsolidieren sollte. Sie übersehen jedoch sowohl die Marktpositionierung als auch die Tatsache, dass der Goldchart eher den Währungsverfall abbildet als eine Haussephase bei Gold.
Anders als Silber befindet sich Gold nicht in Backwardation. Stattdessen scheinen die Edelmetallbanken abgesichert zu sein und sind bereit, die Preise anzuheben, um ihre Bücher ausgeglichen zu halten. Als Beleg genügt ein Blick auf die jüngste LBMA-Konferenz, bei der eine Umfrage unter den Teilnehmern eine durchschnittliche Prognose für 2026 von knapp unter 5.000 US-Dollar ergab.
Die Edelmetallbanken haben in London ein Problem, weil die Zentralbanken, die ihr zweckgebundenes Gold bei der Bank of England lagern, ihre Leihverträge nicht in ausreichendem Umfang verlängern. Gerade dieses Edelmetall stellt die physische Liquidität für den Terminmarkt bereit. Laut dem World Gold Council hat sich der Druck durch die ETF-Nachfrage im Oktober dagegen deutlich verringert, da es in Europa und im Vereinigten Königreich zu Gewinnmitnahmen kam. Die Nettonachfrage aus Nordamerika reichte jedoch aus, um die gesamten ETF-Bestände im Monatsverlauf um 54,9 Tonnen zu erhöhen. Die Wochensummen für Oktober sind in der folgenden Grafik des WGC dargestellt:

Das wirtschaftliche Umfeld verschlechtert sich für den Dollar, was für Gold von Vorteil ist. Die Fed hat ihre Politik von der Inflationskontrolle auf die Bereitstellung von Liquidität umgestellt, indem sie QT beendet hat und erneut zu QE übergegangen ist. Mit anderen Worten: Die Gelddruckmaschinen werden angeworfen. Dass die Fed dies zu einem Zeitpunkt tun muss, an dem die Inflation bei 3 % liegt und auf Sicht von sechs Monaten voraussichtlich weiter steigt, zeigt, wie unmöglich es für die Behörden ist, den Kaufkraftverlust des Dollars aufzuhalten. Alles andere würde bedeuten, über Leichen im Privatsektor zu gehen. Das haben die Zentralbanken, die Gold kaufen, verstanden.
Hinzu kommen geopolitische Faktoren. China trifft offen Vorbereitungen, den Yuan für die Abwicklung des Handels an Gold zu koppeln, was die relativen Aussichten des Dollars ebenso wie die aller G7-Währungen weiter untergräbt. Unabhängig vom Tempo geht die Entwicklung dahin, dass der Wechselkurs von Gold zum Dollar zunehmend zugunsten von Gold ausfällt. Deshalb legen vorausschauende Akteure Gold zur Seite, unabhängig von vorübergehenden Rückschlägen beim Preis.
Die Aussichten für Silber sind unverhohlen positiv. Nachdem der Preis jahrzehntelang gedrückt wurde und es in den vergangenen Jahren erhebliche Angebotsdefizite gab, ist die Liquidität nun versiegt. Für industrielle Verbraucher kommt erschwerend hinzu, dass Anleger begonnen haben, ETFs und kleine Barren als günstigen Einstieg in die Gold-Geschichte zu kaufen.
Die Backwardations zwischen Silber-Spotpreis und Comex-Futures sind praktisch verschwunden, doch die Liquidität hat sich kaum verbessert. Stattdessen leert die industrielle Nachfrage die chinesischen Tresore, und die Bestände an der Shanghai Futures Exchange und der Shanghai Gold Exchange sind auf gefährlich niedrige Niveaus gefallen. Und bei Gold verschieben die Leerverkäufer Berichten zufolge ihre Lieferverpflichtungen, weil sie nichts zu liefern haben, wie der folgende Tweet zeigt:
